Von Heinz D. Stuckmann

Köln

Karl Marx und Ho Tschi-minh blickten schmunzelnd von der Wand der „Zentrale“. Zu ihren Füßen saß an rot drapiertem Tisch die Kölner SDS-Elite und erstattete Bericht: Acht Genossen waren – so hieß es – „mit dem taxifahrendem Proletariat“ kollidiert, das sich unbewußt, aber stetig von der „Klasse“ entfernt hatte und in der Nacht vom 24. zum 25. April vollends zum „Klassenfeind“ übergelaufen war.

Ungläubig hörten die Journalisten die Mär: Das 14. – politische – Kommissariat der Kölher Kriminalpolizei habe die Kölner Taxifahrer zur Mitfahndung nach plakatklebenden SDS-Leuten aufgefordert. Die Taxifahrer seien dieser Aufforderung nachgekommen. Das Ergebnis: Zwei demolierte SDS-Autos, ein verletzter Genosse, acht vorübergehend festgenommene Genossen, 200 beschlagnahmte Plakate.

Die Mär war indes keine Mär. Köln probte den Notstand. Anlaß dazu gab der SDS, Notstands-Legislative spielte das 14. Kommissariat, Notstands-Exekutive Chauffeure der Wirtschaftlichen Vereinigung Kölner Kraftdroschkenbesitzer“. Als Hilfspolizisten von Präsidiums Gnaden prügelten, randalierten und demolierten sie zu Ehren des verstorbenen Altbundeskanzlers Dr. Konrad Adenauer.

Es begann: damit, daß in der Nacht vom 24. zum 25. April – wenige Stunden vor dem Staatsbegräbnis – fünf Personenwagen mit 19 SDS-Studenten und -Studentinnen, 200 Plakaten, fünf Kleistertöpfen und fünf Kleisterpinseln losfuhren. So ausgerüstet wollten die Linken ihre Mitbürger daran erinnern, daß in dieser schlimmen Zeit nicht nur am 25. April, sondern an allen Tagen Grund zu tiefer Trauer sei. Auf den schwarzumrahmten Plakaten à la Todesanzeige stand: „Ein Volk trauert... Wer trauert um ein Volk? In Vietnam warten 400 000 Ermordete auf ihre Totenmesse.“

Laut Plan der Kölner SDS-Zentrale sollen die Plakate in der City an gut sichtbarer Stelle angebracht werden. Fünf Wagen fahren los. Den Wagen Nr. 1 ereilt das Schicksal schon bald. Als die ersten Vietnam-Plakate an der Ecke Breite Straße und Nord-Süd-Fahrt eben zwischen denen der „Rolling Stones“ und der Anpreisung von „Öfen der Zukunft“ hängen, stoppte ein Mannschaftswagen der Polizei. Die Schutzleute stellen die Personalien fest und untersagen die Kleberei: Es sei nicht erlaubt, fremder Leute Mauern und Zäune mit Plakaten zu versehen.