Von Robert Lucas

Die Ahnenjagd ist nicht nach meinem Geschmack. Schon bei dem bloßen Gedanken an die Suche nach vier rassereinen Großeltern dreht sich mir der Magen um. Aber Tausende Amerikaner, die in keiner Weise an solchen traumatischen Erinnerungen leiden, rüsten sich bereits – wie jedes Jahr zu dieser Zeit – zum fröhlichen Halali der Vorfahrenhatz. Denn ein anscheinend unwiderstehlicher Drang treibt die Bürger der Neuen Welt, die Wurzeln ihrer Familien in der Alten Welt aufzuspüren.

Jimmy Macdonald senior, Bauunternehmer in Cleveland, Ohio, hat neuerdings ein fieberhaftes Interesse für seine schottischen Ahnen entwickelt und träumt davon, eine Verwandtschaftsbeziehung zu dem Haupt des Clan, dem MacDonald of MacDonald, zu entdecken. George Ernest Cecil, Präsident einer Versicherungsgesellschaft in Los Angeles, hofft, seinen Golfpartnern mit der Enthüllung imponieren zu können, daß in seinen verkalkten Adern das Blut eines der ältesten Adelshäuser Englands fließt. Luxusjacht, Privatflugzeug und Safariurlaub genügen nicht mehr als Statussymbole. Ein Stammbaum muß es sein! So sind die Monate der Reisesaison für die englischen Genealogen zu einer Kette von Großkampftagen geworden. Nirgendwo sind sie so emsig an der Arbeit wie im College of Arms.

Es wäre ein verhältnisvoller Irrtum, in dieser Institution nichts anderes zu sehen als eine Art von Genealogischem Zentralamt. Gewiß, der erste Eindruck könnte leicht zu einem solchen Mißverständnis Anlaß geben. Denn sobald man das graziöse Renaissancepalais – entworfen von keinem Geringeren als dem Erbauer der St.-Pauls-Kathedrale, Sir Christopher Wren – betreten hat, findet man sich in einem keineswegs ungewöhnlichen Kanzleiraum einem liebenswürdigen jungen Mann gegenüber, der die Frage nach einem Stammbaum als die natürlichste Sache der Welt behandelt. Er läßt erkennen, daß eine ganze Schar genealogischer Detektive bereit stehe, den Staub der Jahrhunderte von vergilbten Faszikeln zu blasen.

Ja – aber die Kosten? Ein leichter Schatten fliegt über das sonnige Gesicht des jungen Mannes; nun ja, die Kosten – wenn man schon von solchen peinlichen Dingen sprechen muß –, die Kosten hängen natürlich ganz und gar von den Wünschen des Klienten ab. Auf wie viele Generationen sollen sich denn die Nachforschungen erstrecken? Während der stammbaumlüsterne Besucher verwirrt nach der richtigen Antwort sucht, wird er taktvoll darauf aufmerksam gemacht, daß die Gebühren natürlich bedeutend höher sind, wenn sich die Erhebungen auch, sagen wir: auf die Urururgroßeltern erstrecken sollen und nicht bloß auf die Urgroßeltern: jedes „Ur“ erhöht das Honorar.

„Und wünschen Sie auch ein Wappen?“ Die Frage fällt beinahe nebenbei, sie löst sich fast lautlos von den Lippen wie ein welkes Blatt von einem – nein, nicht von einem Stammbaum, ich unterdrücke das Wortspiel – Ast. Und mit einem Male ist man sich bewußt, daß man sich in einem Gebäude befindet, das wohl von dieser Welt ist, aber nicht von dieser Zeit.

Einige Schritte haben genügt, um zu erreichen, wozu H. G. Wells seine „Zeitmaschine“ erfinden mußte: Obwohl nebenan in der Internationalen Fernsprechzentrale die Computer arbeiten und einige Meter weiter sich der neue Bau der Times erhebt, sind wir hier aus der Gegenwart in das Mittelalter gestürzt, in die Welt des Königs Artus, Parsifals und Gaweins, und die Minnesänger sind uns im Augenblick näher als die Beatles und die Rolling Stones.