Als ich die Literaturhinweise las, am Ende des Buchs, war mir beklommen zumute. Kein Alfred Weber, kein Mannheim, kein Benda, kein Shils, dafür Mao Tse-tung (doch weder Lenin noch Marx) und Reich-Ranicki, Enzensberger und Frank Thiess, Arnold Künzli und Blöcker. Das ließ Schlimmes befürchten von

Wolf gang Kraus: „Der fünfte Stand“ – Aufbruch der Intellektuellen in West und Ost; Scherz Verlag, Bern/München/Wien; 175 S., 16,80 DM.

Aber als ich dann das Buch selber zu lesen begann, verwandelte sich die Sorge schnell in Sympathie, und ich bemerkte, daß der Verfasser alles andere im Sinn gehabt hatte als ein gelehrtes Werk zu schreiben, das, wie man so schön sagt, sich auf der Höhe der Forschung befindet.

Kraus gibt sich als Laie, sein Standpunkt ist der eines Staunend-Betroffenen, der gewisse Erfahrungen mitteilen möchte. Subjektivität ist oberstes Gesetz; Verweise auf die Meinungen anderer, historische Absicherungen, Rückendeckung bei Autoritäten, Zitat und Beleg gelten als durchaus suspekt. Der Verfasser will anregen, reizen und seiner Grundthese, Ost und West seien einander näher gerückt, als manch einer glaubt, den Charakter einer persönlichen Ansicht belassen. Er fürchtet die Einschränkung, das Wenn und Aber, Vielleicht und Andererseits; er sieht aufs Ganze, will werben und mit Elan überzeugen.

Das macht die Stärke seines Buches aus, aber das ist zugleich auch die Schwäche dieses Traktats. Allzu oft rennt Kraus weit offene Türen ein, wiederholt längst Bekanntes, verallgemeinert oder verliert sich in seiner Privatnomenklatur, die selbst den soziologisch Halbgebildeten mehr als einmal zur Verzweiflung treibt: Ein Intellektueller zum Beispiel ist für den Verfasser entgegen dem Sprachgebrauch sowohl der reflektierende Kontrolleur als auch der Technokrat am Hebel der Macht, der Naturwissenschaftler so gut wie der Dichter.

Kein Wunder, daß bei solcher Generalisierung Nuancen nicht gerade anschaulich werden: Ist es denn wirklich so, daß die Atombombe die Stellung des ärmsten Studenten des weltfremdesten Faches an der schlechtesten Universität grundlegend verändert und dem Verfasser der unverständlichsten abstrakten Gedichte neues Ansehen“ gegeben hat? Ist hier nicht vielmehr der Wunsch der Vater des Gedankens, die ehrenwerte Hoffnung, daß sich hinter dem breiten Rücken der Physiker und Biologen auch die Altorientalisten und Homiletiker zu mausern verstünden?

Nein, das ist eine Fata Morgana, wie ein Blick in unsere Haushaltspläne beweist, und was die Achtung betrifft, so könnten die Meinungen amerikanischer Universitätspräsidenten – diese nur zum Exempel genommen – Kraus hinsichtlich des Ansehens der humanities sehr schnell eines Bessern belehren.