Ahnen der Automation

Von Friedrich Wilhelm Löhrpabel

Vor etwa sieben Jahren, als die Computerwitze so recht im Schwange waren und den Humoristen zu diesem Thema noch etwas einfiel, erschien eine Zeichnung, die eine riesenhafte Rechenmaschine zeigte, davor zwei winzige Menschen, Von denen der eine zum andern sagte: „Ich werd’ verrückt! Das Ding sagt: Cogito ergo sum!“

Dieser–damals noch originelle–Einfall verrät die Angst des technischen Zeitalters, der Mensch könne eines Tages durch die Maschine ersetzt werden; nichts sei an ihm, das nicht durch Maschinen ausgewechselt werden könne, sein Gehirn inbegriffen. Im Witz tarnte sich Angst.

Vielleicht ist es eine Täuschung, wenn man die Behauptung wagt, die heimliche Angst vor den Computern sei heute nicht mehr so virulent wie noch vor einem Jahrzehnt. Wir haben uns daran gewöhnt, mit den „Denk“- und Rechenmaschinen zu leben und zu arbeiten, seit sie auch in mittleren Betrieben heimisch geworden sind, seit sie sich nicht als Herren erwiesen haben, sondern als höchst nützliche Diener und Gehilfen. Die Antwort auf ihre Existenz kann heute nicht mehr jener eingangs zitierte, Beklemmung verratende Witz sein, sondern eher die Parodie; und zu deren Wesen gehört das befreiende, sein Vorbild heiter akzeptierende Lachen.

Die Antwort auf die Ausbreitung der Computer liefert ein gut Teil der Gegenwartskunst: von Calders Mobiles bis zu den hinreißend unsinnigen Maschinen eines Jean Tinguely; Maschinen, die sich in zweckfreien Bewegungen erschöpfen oder groteske Kritzeleien von sich geben, von Geräuschen begleitet, die emsiges Arbeitsethos vortäuschen, aber den Nonsense mit heiterem Geklapper feiern. Als absurdes Denkmal des Computer-Zeitalters steht seit kurzem Tinguelys über sieben Meter hohe, fünfzehn Tonnen schwere Leerlauf-Maschine namens „Heureka“ am Ufer des Zürcher Sees und ergötzt (und verdrießt) mit eisernem Geschnatter und langhebeliger Geste die Betrachter.

Solche bewußt antiquiert aussehenden Maschinen mag man als Antwort auf die sterile Blankheit der Computer deuten; ihre Herkunft nach aber sind sie wohl doch die legitimen Sprößlinge der alten Automaten: geschaffen zum staunenden Ergötzen, aus Lust am zaubrisch anmutenden Spiel. Der Sinn jeglicher Technik, nämlich dem Menschen nützlich zu sein, wird in sein lächelndes Gegenteil verkehrt: Der Witz solchen Uhrwerks höchst unterschiedlicher Abkunft liegt darin, daß das Nützliche den Triumph des Absurden feiert und das Zweckfreie mit seiner vermeintlichen Nützlichkeit kokettiert.