Robert Manning, Chefredakteur der Monatszeitschrift „The Atlantic“:

In jedem Zeitalter, so sagt ein Dichterwort, stirbt ein Traum, oder ein neuer wird gehörten. Zweiundzwanzig Jahre sind jetzt vergangen, seit. Hitlers großer Traum zerfloß und Deutschland zum zweitenmal in diesem Jahrhundert einen Krieg verlor. Doch bis heute ist kein neuer Traum geboren worden. Diese Tatsache steht im Mittelpunkt des heutigen Deutschlands in Ost und West, und sie erklärt auch die merkliche Spannung, die „die deutsche Frage“ überall belastet, die große ungelöste Frage der internationalen Politik, die uns zu schaffen machen wird, wenn Vietnam zur Ruhe gekommen ist.

Sie beschäftigt die Deutschen so stark wie die Ausländer und beunruhigt sie zweifellos noch viel mehr. Ein Vierteljahrhundert ist kurz im Laufe der Geschichte und kann doch eine gewaltige Kluft aufreißen zwischen zwei Denkweisen oder Strömungen, die – vervielfacht und zusammengefaßt – den Weg eines Volkes bestimmen.

Der Staat ohne Traum: Kann er ad infinitum weiterexistieren? Ist im Deutschland von heute schon ein Ziel, eine bestimmende Richtung zu erkennen? Und wenn ja: Führt der Weg nach außen, in eine größere europäische oder internationale Gemeinschaft, oder zunächst nach innen, zu einem neuen deutschen Nationalismus, der neue Abenteuer fordern wird? Alle diese Fragen liegen unübersehbar auf der Hand und beschäftigen jeden, dem es heute um Deutschland geht.

Auch uns beschäftigten sie. Wir – eine kleine Gruppe amerikanischer Schriftsteller und Verleger – fuhren nach Deutschland, um Gespräche zu führen mit Politikern, Erziehern, Industriellen, Bankfachleuten, Schriftstellern, Künstlern und Studenten. Unsere Reise wurde finanziert von der Ford Foundation und der Atlantik-Brücke, einer Hamburger Organisation westdeutscher Geschäftsleute und Industrieller zur Förderung deutsch-amerikanischer und deutschenglischer Beziehungen.

Äußerlich waren wir eine homogene Gruppe: ein Dozent und Kritiker der Columbia-Universität mit seiner Frau, ebenfalls Schriftstellerin und Kritikerin; zwei Mitarbeiter des „New Yorker“, die mehrere politische Bücher geschrieben haben; zwei Schriftsteller und Rezensenten, die an den Universitäten von Syracuse und Sarah Lawrence lehren; die Frau eines Verlegers, die auch selbst schreibt; der Kunstkritiker der „New Republic“; die Chefredakteure von zwei Monatszeitschriften, „Commentary“ und „Atlantic“, und schließlich ein früherer Regierungsbeamter aus Washington, der jetzt in Harvard über soziologische Fragen liest und schreibt.

Einige von uns waren schon öfter in Deutschland gewesen, mehrere hatten nach dem Krieg zur Besatzung gehört, etliche kannten es noch gar nicht. Wir kamen mit mancherlei Vorurteilen und Ideen und kehrten dann heim mit Eindrücken, die ganz verschiedenartig waren und doch ungewollt etwas Gemeinsames hatten.