Zum Goldenen Jubiläum der bolschewistischen Oktoberrevolution wurden viele Bücher geschrieben. Aber kein Buch wird seinem Verleger so viel Geld einbringen wie die Memoiren der Swetlana Allelujewa. Sie erscheinen rechtzeitig im Oktober beim Verlag Harper & Row, dem auch William Manchester die intimen Tonbandgeständnisse der Jacqueline Kennedy verkaufte. Stalins Tochter als Bestsellerautorin und Multimillionärin – an diese Vorstellung wird sich die Welt erst noch gewöhnen müssen, wie an so vieles, was in Rußland seit jenem Tag im März 1953 geschehen ist, als ein Blutgerinnsel dem Leben des Diktators ein Ende setzte.

George Kennan, der ehemalige US-Botschafter in Moskau und Kenner der neueren russischen Geschichte, hat mit derselben behutsamen Umsicht, mit der er Swetlanas Reise nach Amerika dirigierte, seinem Volk einen Maßstab zu setzen versucht, nach dem es dieses Ereignis beurteilen soll, ohne billigem Triumphgefühl oder hämischer Schadenfreude zu verfallen und ohne das labile Klima der Entspannung zwischen Moskau und Washington durch einen Rückfall in die Stimmung des Kalten Krieges zu stören: Dieser Gast aus der Sowjetunion sei, so schrieb Kennan der New York Times nicht in erster Linie als politische Figur zu betrachten.

Doch war es Swetlana selber, die diesen Bannkreis des Menschlich-Privaten durchbrach und ihrer Entscheidung einen politischen Akzent gab, den ihre Gastgeber aus lauter Vorsicht weglassen wollten. Ohne Umschweife verdammte sie auf ihrer ersten Pressekonferenz die Praxis der neuen Machthaber im Kreml, alle Sünden der Vergangenheit auf ihren toten Vater abzuladen. Sie rief einer Welt, die zu schnell vergißt, ins Gedächtnis zurück, daß die mitschuldigen „Stalinisten“ auch heute noch in vielen Schlüsselstellungen sitzen; sie verabscheute den Prozeß gegen die Schriftsteller Sinjawskij und Daniel; sie schämte sich für das Land, in dem Werke des Nobelpreisträgers Boris Pasternak noch immer auf dem Index stehen und aufbegehrende junge Dichter für die Schublade schreiben müssen; sie verschwieg nicht, daß weiterhin – Jewtuschenkos Appellen zum Trotz – Juden in der Sowjetunion benachteiligt werden.

Swetlana Allelujewa, das verhätschelte Kind des toten Diktators, die gelehrige Schülerin der kommunistischen Doktrin, wurde zur beredten Zeugin jener liberal denkenden Russen der mittleren und jüngeren Generationen, die enttäuscht und verzweifelt sind, weil dem Tauwetter nach Stalin noch kein politischer Frühling folgte. Von ihren Wünschen und Hoffnungen hat die Menschheit außerhalb Rußlands jetzt ein wenig mehr erfahren. K. H. J.