Von Manfred Sack

Schon im grün bemalten Flugzeug der Aer Lingus war alles grün getönt – grün das Kleeblatt, das auch als Vignette viele Druckwerke ziert, grün die Kostüme der Stewardessen, grün ein Prospekt mit dem Hinweis auf die "Grüne Insel", die Smaragd-Insel; ein Ire, in England zugestiegen, brummte Elizas "Es grünt so grün" aus My Fair Lady, ausgerechnet dies, und in der Pause zwischen Düsseldorf und Dublin in Manchester taten die irischen Stewardessen, was andere Stewardessen selten tun, sie pfiffen (das Beatle-Lied von der "Submarine") und sangen ("The Old Orange Flute"). Der Flughafen von Dublin wirkt dann ein bißchen nüchtern – man ist in Irland gelandet, aber doch nicht in Irland.

Das beginnt erst auf den Parkplätzen davor, auf denen deutlich beginnender Wohlstand grünt: Jaguars, Bentleys, Mercedes – Wagen, meist gut poliert, und unzählige gewöhnlichere Wagen, die durchweg beweisen, daß Spuren der Benutzung und der Abnutzung keine Schande sind, auch Beulen im Blech nicht. Im feinen Old-Strand-Pub erklärte das ein Dubliner: "Eine Beule entbeulen kostet Geld, und es verspricht keinen Gewinn; ein Auto fährt deshalb nicht besser Es gibt keinen Technischen Überwachungsverein, es gibt wenig Werkstätten; man fährt sein Auto, bis es partout nicht mehr fährt.

Diese Gelassenheit im Umgang mit dem Auto erfährt auch derjenige, der sich in den Ferien ein Auto mietet. "Sind Sie schon mal Linksverkehr gefahren?" fragte mich der Überbringer. Nein. Gar nicht schlimm, in einer Viertelstunde können Sie das", sagte er und lachte. Das Steuer befand sich rechts, der Schalthebel links, die Aschenbecher waren voll, der Winker rechts funktionierte nicht, das Werkzeug war mangelhaft. Es ist nichts passiert. Aber natürlich hätte etwas passieren können, und dann helfen nur Geduld und Vertrauen auf das Irgendwie: Irgendwie wird das schon weitergehen. Da das Netz der Tankstellen unregelmäßig gewebt ist, gilt der gute Rat, es niemals bis zur letzten Reserve kommen zu lassen.

Im übrigen ist das Autofahren ein Vergnügen. Linksverkehr-Anfänger fühlen sich selbst im Dubliner Stadtverkehr niemals verloren. Es hat den Anschein, als betrachteten alle Fahrer alle anderen Fahrer als Schafe, unberechenbar wie die plötzlich auftauchende Schafherde auf einer der (durchweg guten) Landstraßen. Geduld, es kann dann nur ein paar Minuten dauern oder ein paar mehr. Man lächelt sich zu, winkt sich zu, vorbei. Der "links-liberale" Straßenverkehr ist eine Annehmlichkeit, die kein Mitteleuropäer vergißt. Auch wenn die Iren allmählich Spaß daran finden, auf den (meist leeren) Landstraßen zu rasen, auch wenn dann manchmal die Reifen quietschen, weil ein Schaf oder ein Rind oder ein Pferd, das man vorher nicht gesehen hat, in einsamer Gegend auf die Fahrbahn springt und meist von einer Mauer. Denn fast alle Straßen sind eingefaßt: von Mauern oder von blühenden, baumhohen Fuchsien-, Rhododendron- oder Brombeerhecken (Brombeeren übrigens von jener großen Sorte, die dem Rastenden buchstäblich in den Mund wächst und zu Hause nicht reift).

Wo man sich in Irland niederläßt, ist beinahe einerlei. Wer einen Platz empfiehlt, gerät schnell in den Verdacht, andere "viel schönere, viel originellere" Gegenden nicht zu kennen. Hier hat in der Tat jede Landesecke so überraschende Reize für einen Kontinentalen, daß der beste Rat heißt, das Ziel dem Zufall zu überlassen. Das ist zwar nicht in der Hauptsaison (15. Juni bis 15. September), wohl aber in den Monaten davor oder danach zu empfehlen. Da die Entfernungen nirgendwo sehr groß sind – zwischen Dublin an der Ostküste und Killarney im Südwesten in Atlantiknähe sind es etwa 300 Kilometer –, kann man "springen". Am Ende gäbe es höchstens die Enttäuschung, leider nicht dies und nicht das und auch nicht dies und das gesehen, gerochen, gespürt, erlebt zu haben oder ums Angeln, Golfspielen, Reiten gekommen zu sein, um die Fahrt im Wohnboot auf dem sich zu bizarren Seen erweiternden Shannon oder um das Bad im Atlantik in der idyllischen Bucht am Slea Head, dem westlichen Punkt Irlands. Eine Reise nach Irland endet immer mit dem Seufzer, etwas außerordentlich Wichtiges versäumt zu haben, und mit dem Vorsatz, es alsbald nachzuholen.

Sagen wir: Killarney wäre ein Ziel, auch wenn es als "touristischer Schwerpunkt" gilt. Aber das sind eigentlich nur die drei wunderschönen Seen dort, und es ist die Straße um die Halbinsel Kerry, eine Riviera-Route mit subtropischer Flora Wer statt dessen ins Innere dieses Zipfels fährt, findet vor den braunen Bergen mit dem Carrantuohill (1040 Meter) eine Landschaft, die – nein, nicht entzückt, wohl aber am Gemüt rüttelt und an die Zeiten Cromwells erinnert, der die geschundenen Iren auch in die Gegenden zwang, die landwirtschaftlich unergiebig sind wie hier.