Der Abzug von 41 000 amerikanisch-britischen Soldaten aus der Bundesrepublik, obschon beschlossene Sache, wird die westliche Politik noch für viele Monate beschäftigen. Wegen des Umfangs dieser Truppenverlegung – drei Brigaden mit Versorgungstruppen und rund hundert Jagdbomber – kann sie nicht mehr nur als Devisenausgleichsproblem betrachtet werden, wie dies in den voraufgegangenen Dreier-Verhandlungen geschehen ist.

Da obendrein damit zu rechnen ist, daß es sich nicht nur um einen, sondern um den ersten Schritt handelt, wird die Frage nach dem langfristigen Konzept aufgeworfen, das der militärischen Ausdünnung des europäischen Kontinents ihren politischen Sinn gäbe – eine Frage, die bisher meist nur vage, widerspruchsvoll und uneinheitlich beantwortet wird.

Eine amerikanische Senatskommission kam vor kurzem zu dem Schluß, daß eine Rückverlegung der Truppen zwar ins Auge gefaßt werden könnte, weil die Gefahr eines sowjetischen strategischen Überfalls aus dem Stand nicht besteht. Aber unweigerlich sei damit eine erhöhte Abhängigkeit von der atomaren Komponente der atlantischen Strategie verbunden. Mit diesem zutreffenden Urteil ist die Rücknahme eines erheblichen Teils der Atomträger der taktischen Luftflotte aus der Bundesrepublik allerdings nicht zu vereinbaren. So ergibt sich nun zweierlei:

erstens eine weitere und ursprünglich nicht erwogene „Denuklearisierung“ Europas, die als Bestandteil der amerikanischen Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion gesehen werden muß;

zweitens eine Schwächung der konventionellen Truppen – zum erstenmal seit 1951 –, also gerade jenen Elements der Verteidigung, dem Washington seit Jahr und Tag in Europa den absoluten Vorrang zuweist.

Dieser Widerspruch hat mit dazu beigetragen, daß sich der Chef des vereinigten amerikanischen Generalstabs, General Wheeler, gegen eine Verringerung der präsenten Truppen sträubte – trotz höherer Vietnam-Anforderungen.

Die NATO-Verteidigungsminister haben in dieser Woche in Paris versucht, das strategische Konzept des Bündnisses der veränderten Lage anzupassen. Die praktisch längst ad acta gelegte Strategie der massiven Vergeltung wurde aufgegeben. Ungeachtet der deutschen Bedenken erhob der NATO-Absschuß die flexible Verteidigung zur Doktrin: Ein Angreifer in Europa soll solange als möglich mit konventionellen Waffen abgewehrt werden. Allerdings werden, damit die Abschreckung nicht vollends unglaubwürdig wird, die Atombomber jedes Jahr zu Übungen nach Europa zurückverlegt.