Das vielgenannte „Eiserne Dreieck“ Warschau –Prag–Ostberlin wird nun, wie Ulbricht beizeiten vorausgesagt hat, eine weitere „Ecke“ erhalten. Wenn der SED-Chef am 17. Mai nach Budapest kommt, um einen Freundschafts- und Beistandsvertrag mit Ungarn zu unterzeichnen, wird ihn neben Parteichef Kadar nicht mehr Gyula Kallai, sondern Jenö Fock als Ministerpräsident und zweiter Mann im Staate begrüßen. Dieser Personenwechsel bleibt nicht ohne Einfluß auf den Kurs des Landes – auch gegenüber Deutschland.

Anders als sein Vorgänger Kallai, der die ideologische Brille fast nie abzunehmen vermochte, beurteilt Jenö Fock politische Schritte allein nach ihrem sachlichen, zumal wirtschaftlichen Nutzwert. Fock ist der Mann des „neuen ökonomischen Mechanismus“, der großen ungarischen Wirtschaftsreform; ihr soll künftig auch die Außenpolitik Ungarns dienstbar gemacht werden – sowohl in östlicher als auch in westlicher Richtung.

Den Wandel in Budapest bekamen als erste die Österreicher zu spüren. Noch vor Jahresfrist hatte die ungarische Regierung ihre Kontakte zu Österreich merklich abkühlen lassen, weil sie mit einer Wiener Regierung, in der neuerdings die Sozialisten fehlten, schlechter zu fahren glaubte. Jetzt aber ergab sich beim Besuch des österreichischen Bundeskanzlers Klaus in Budapest, daß solche ideologischen Vorurteile nichts mehr gelten. Sein Gastgeber Fock deutete durch einige bescheidene, aber greifbare Gesten an, wie viel ihm an guten Kontakten zum neutralen Nachbarn und – wie er in einer Tischrede vieldeutig unterstrich – auch an Zusammenarbeit „der mitteleuropäischen und der Donauvölker“ gelegen ist.

Wenn die Ungarn von Mitteleuropa sprechen, meinen sie vor allem die Deutschen. In deutscher Sprache publizieren sie seit Jahresbeginn sogar eine sehr europäisch gestimmte Wochenzeitung, die „Budapester Rundschau“. Dort wurde Österreich anläßlich des Kanzlerbesuchs als „Brücke zwischen Ost und West“ gelobt, dort wiederholte auch einer der engsten Mitarbeiter Focks, Professor Joczef Bognar, einige kühne Thesen, die er kurz vorher in Wien der westlichen Presse vorgetragen hatte: Wenn sich Ost- und Westeuropa wirtschaftlich nicht vereinigten, dann werde der alte Kontinent über kurz oder lang von den USA und – von Asien „auf einen untergeordneten Rang“ verdrängt, während die Sowjetunion, als fast autarke Weltmacht, ihre politische Rolle auch spielen könne, „wenn sich die europäische Zusammenarbeit nicht realisieren läßt“.

Für das ungarische Interesse an Mitteleuropa sprechen gewichtige Gründe: Die Bundesrepublik ist Ungarns größter Handelspartner im Westen – so wie im Osten die DDR, allerdings nach der Sowjetunion, die den Spitzenplatz im ungarischen Außenhandel hält. Darum war es nicht verwunderlich, daß Kadar in Karlsbad „normale Beziehungen und wachsende wirtschaftliche Verbindungen mit allen europäischen kapitalistischen Ländern, auch mit der Deutschen Bundesrepublik“ wünschte, freilich nicht ohne sich vorher durch heftige Vorwürfe gegen Bonn abzusichern. Zwei Tage später, am 27. April, wiederholte sein Ministerpräsident Fock, ohne Bonn zu erwähnen: „Wir sind der Ansicht, daß günstige zwei- und mehrseitige Kontakte zwischen europäischen Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnung die Atmosphäre unseres ganzen Kontinents bessern helfen.“

Mit fast demselben Argument hatte Rumänien seine Annäherung an Bonn begründet, und Ähnliches hörte der Bonner Staatssekretär Lahr schon in Budapest, als er Ende Februar mit den Ungarn nahezu handelseinig geworden war. Erst als die Bundesregierung den Alleinvertretungsanspruch hochspielte und so Ulbrichts Gegenzüge erleichterte, zögerten die Ungarn.

Mit dem Vertrag jedoch, den die Ungarn jetzt (auf eigene Initiative, wie Kadar in Karlsbad betonte) mit der DDR schließen, wollen sie sich den Weg nach Bonn freimachen. Darum jedenfalls haben Ministerpräsident Fock und seine Berater in den letzten Wochen so sehr auf einen Abschluß mit Ostberlin gedrängt, während sich die DDR eher spröde gab. Der Pakt mit Ostberlin soll nicht Barriere, sondern Rückhalt einer weiterreichenden Verständigung werden.

Hansjakob Stehle