Von Wolfram Siebeck

Es waren einmal – unter vielen anderen Brüdern und Schwestern – ein Junge und ein Mädchen, die liefen von zu Hause fort, weil sie es unter dem Regime der bösen Stiefmutter gar so schwer hatten. Sie gingen den ganzen Tag über Wiesen, Felder und Steine, bis sie einen großen Wald an der Grenze erreichten. Dort versteckten sie sich in einer kleinen Hütte.

Am anderen Morgen wollte das Brüderchen über die Grenze zu den Verwandten, aber das Schwesterchen sah die Minen im Gras und rief: „Ich bitte dich, Brüderchen, geh nicht, sonst wirst du elendig zerrissen!“

Das Brüderchen ging nicht weiter, obwohl es gerne hinüber gewollt hätte. Es sagte: „Ich will warten bis zur nächsten Gelegenheit.“

Als die nächste Gelegenheit kam und das Brüderchen wieder über die Grenze wollte, sah das Schwesterchen den Stacheldraht und rief: „Geh nicht, Brüderchen, sonst wirst du elendig zerrissen!“ Das Brüderchen ging nicht und versprach, weiter zu warten.

Nach einiger Zeit machte sich das Brüderchen jedoch wieder auf den Weg zu den Verwandten. Das Schwesterchen hörte die Jäger rufen und bat den Bruder, nicht zu gehen. Aber diesmal hörte er nicht auf sein Schwesterchen und sprang los.

Da schallte Hörnerblasen und Hundegebell durch den Wald, und als die Jäger das Brüderchen sahen, setzten sie ihm nach; aber sie konnten es nicht einholen, denn es lief schnell und kannte alle Wege und Verstecke. So kam es im Schutze der Dunkelheit zurück zur Hütte, sagte das Losungswort, und das Schwesterchen ließ es ein.