Von Gottfried Sello

Zur Vernissage seiner langerwarteten, überfälligen ersten Retrospektive in Deutschland, in Hannover, bei der Kestner-Gesellschaft, bei Wieland Schmied, hatte Bellmer sich angesagt. Aber er kam nicht, geplante Interviews fielen unter den Tisch. "Herr Bellmer, was halten Sie von Henry Miller? Sind Sie ein Befürworter der Pille? Welche Rolle würden Sie der Sexualität a) in Ihrem Leben b) in Ihrem Werk einräumen? Würden Sie es akzeptieren, daß Sie der modernen Malerei ihren würdigsten Gegenstand, die nackte Frau, zurückgegeben haben?"

Der Maler hatte sich der allgemeinen Neugier entzogen, die Fragen wurden nicht gestellt, wir feierten ohne ihn. Der leergebliebene Stuhl schien denjenigen recht zu geben, die seine reale Existenz in Zweifel ziehen. Wohnt er wirklich in der Rue de la Haine nahe der Place de la Nation? Oder ist er ein Mythos, das archetypische Gegenbild zu Pygmalion, dem Künstler, der dem von ihm geschaffenen Wesen Leben einhauchte und mit der ehemaligen Statue die glücklichste Ehe führte, während Bellmer sich statt der Frau aus Fleisch und Blut die Puppe erschuf und mit ihr glücklich wurde? Ein Mythos oder eine Romanfigur die ein Dichter der schwarzen Romantik hätte erfinden können; wenn Lautreamont und der Marquis de Sade und Oscar Wilde beschlossen hätten, gemeinsam den Roman eines Malers zu schreiben, dann hätten sie einen Hans Bellmer gezeugt.

Aber Bellmer ist wohl doch kein Phantom. Wieland Schmied hat im Katalog einen Brief faksimiliert, darin bedankt sich Bellmer für dessen Besuch und für den Janssen-Katalog. "Janssen war mir ganz unbekannt; meine unerhörte Überraschung können Sie sich leicht vorstellen. Er hat sicher den ersten Platz unter den jüngeren deutschen Zeichnern." Das zu lesen war wiederum für mich eine unerhörte und angenehme Überraschung und ein Anlaß, darauf hinzuweisen, daß außer gegenseitiger Hochschätzung und der Vorliebe für sagen wir eine erotische Thematik nichts die beiden verbindet, obgleich manche Kritiker, kaum daß sie Janssens ansichtig wurden, ihm Abhängigkeit von Bellmer vorgeworfen haben. Die konträre Position beider Künstler zur Realität wird durch Puppe und Mädchen markiert. Und die Art, wie sie zeichnen, wie sie schraffieren, Linien verknäulen und verlaufen lassen, Körper plastisch modellieren, ist in ihrer extremen Gegensätzlichkeit kaum zu überbieten.

Bellmers Ruhm ist neuen Datums. Im Kindlerschen Malereilexikon, das sogar mittlere Talente sorgfältig registriert, ist sein Name nicht verzeichnet. In der zweiten Auflage wird er vermutlich zu finden sein, zwischen Bellini und Bellotto. Es ist immerhin merkwürdig, daß in einer Zeit, die keine Begabung im Verborgenen läßt, ein Mann wie Bellmer die Sechzig überschreiten konnte, ohne daß die Öffentlichkeit Notiz von ihm nahm. Bellmers Werk ist in Deutschland so gut wie unbekannt, schrieb Herbert Pée, der im März 1966 seine Zeichnungen im Ulmer Museum ausstellte. Dabei hatte ihn die Galerie Springer schon 1953 in Berlin präsentiert, nicht einmal die Künstler haben ihn damals zur Kenntnis genommen, später um so mehr, üppig sind die Bellmer-Epigonen ins Kraut geschossen und haben den Markt mit erotischen Platitüden überschwemmt.

Heute steht Bellmer sehr hoch im Kurs, die Kenner, auch die Voyeurs, die durchs Schlüsselloch in die bildende Kunst blinzeln, haben sich seiner angenommen, seinen Namen erst einander hinter vorgehaltener Hand zugeflüstert und ihn seit 1964, seitdem er auf der documenta III den ersten offiziellen Segen erhalten hatte, öffentlich ausposaunt. Als im letzten Sommer die Galerie Gmurzynska eine ansehnliche Kollektion nach Köln holte, war Bellmer bereits ein Verkaufsschlager. Bellmer selbst wird es einigermaßen komisch finden, daß ihm die Leute plötzlich jedes Blatt aus der Hand reißen, daß niemand mehr an seinem skandalösen Werk Anstoß nimmt, das nach Bellmer einfach deshalb skandalös sein mußte, "weil für mich die ganze Welt ein Skandal ist". Von Skandal ist nicht mehr die Rede, mit Rührung sieht der Meister seine Puppe ins Museum Einzug halten.

Die Puppe, in verschiedenen Modellen, in mehreren zeitlich auseinanderliegenden Realisationen, ist in Hannover mitausgestellt, man kommt nicht um sie herum, wenn man sich dem Werk Bellmers nähern will, ihre Schlüsselfunktion ist nicht zu bestreiten. Die Arbeit an der Puppe beginnt 1933. Die Bellmer-Biographie bietet eine Vielzahl von Impulsen, es ist, als ob mehrere Schriftsteller mögliche Motivierungen, wie es zur Puppe kam, zur Diskussion stellen. Da ist das Paket mit Spielsachen, das die Mutter aus Oberschlesien, Bellmer ist in Kattowitz geboren, nach Berlin schickt. Der Dreißigjährige sieht sich mit seiner Kindheit konfrontiert, als er sich jederzeit ins Spiel flüchten konnte; jetzt muß er Gebrauchsgraphik machen, um sich und seine Frau durchzubringen. Es kommt zweitens Besuch ins Haus, eine Tante mit ihren beiden Töchtern. Ursula ist fünfzehn und läßt ihre Reize spielen, bringt den armen Vetter zur Raserei. Man geht in die Oper, er, seine Frau, sein Bruder und Ursula, ausgerechnet zu "Hoffmanns Erzählungen", von Reinhardt inszeniert. Bellmer delektiert sich an der Puppe Olympia, dem künstlichen Mädchen, das man ungestraft lieben kann.