Durch den Ring tänzelte er so leichtfüßig wie kein anderer Schwergewichtsweltmeister vor ihm; doch vor der Musterungskommission blieb sein Fuß wie angenagelt auf dem Boden: Cassius Clay, der seinen bürgerlichen Namen abgelegt hat und sich als Mitglied der Schwarzen Muslims Ali Muhammad nennt, weigert sich, GI zu werden. Er lehnte den Dienst in der Uniform mit der gleichen Standhaftigkeit ab, mit der er seine kometenhafte Karriere vom Schuljungen zum Weltbesten Boxer begründete.

Mit 12 Jahren zog er sich zum erstenmal Boxhandschuhe an; 1960 war er Olympiasieger und danach in 27 Berufskämpfen ungeschlagener Meister aller Klassen. Anfang dieser Woche erhob ein großes Schwurgericht in Houston in Texas gegen denselben Cassius Clay alias Ali Muhammad Anklage wegen Wehrdienstverweigerung. Das Verfahren kann lange dauern, doch bestehen kaum Zweifel, wie es ausgehen wird: der Boxer Clay wird für seine Überzeugung als Schwarzer Muslim Ali Muhammad ins Gefängnis wandern. Boxen darf er schon jetzt nicht mehr, da ihm die Verbände seinen Titel aberkannt und ihm die Ringe gesperrt haben. Auch wenn ihn ein Wunder vor den schwedischen Gardinen bewahren sollte – ein Comeback in Amerika wird ihm schwer werden. Eine kleine fanatische Minderheit jubelt ihm zwar zu und sieht heute in ihm ihren moralischen Champion. Die große Mehrheit der Amerikaner aber will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Cassius Clay hat sich selbst k. o. und aus dem Ring geschlagen. Unbesiegt beendet er seine Karriere auf skurrilere Art als je ein Boxer vor ihm.

Clays Verhalten, sein Aufstieg und sein Untergang, sind ein amerikanisches Phänomen unserer Tage. Hinter ihm verbirgt sich mehr als der lärmende Abgesang eines Großmauls, der sich – um seine Ringangst zu bekämpfen – stets der „Größte“ nannte und der seine Gegner vor dem Kampf mit einem Schwall von Beschimpfungen psychologisch zu zermürben trachtete. Cassius Clay ist nicht der Muskelprotz mit dem Kinderherzen und dem Spatzenhirn, der in eine fixe Idee verrannt und nun aus dem Gleichgewicht geraten ist. Cassius ist ein heller Junge, der genau weiß, was seine Fäuste wert sind – jene Fäuste, die nun keinen Gewehrschaft anfassen wollen.

Zu den Schwarzen Muslims des Elijah Muhammad, jener im letzten Weltkrieg entstandenen seltsamen Sekte mit ihrem, auch dem rechtgläubigen Moslem nur schwer verständlichen Ritual und Pseudo-Mohammedanismus, führte Cassius Clay der Haß gegen die weißen Amerikaner und die Verachtung für die andersfarbige Mehrheit, von der sich die radikale und fanatische Minderheit der amerikanischen Neger getäuscht, verraten und betrogen glaubt. Der Entschluß des Boxheroen, nicht unter die Fahne des weißen Mannes zu treten, ist die Kulmination dieser Protest-Haltung, die viele junge Neger, ob in den Slums oder auf den Universitäten, einnehmen. Als ihr Held und ihr Märtyrer will Clay von sich reden machen, so wie er im Ring der Held seiner Rasse wurde.

An seinem Entschluß wird die Unversöhnlichkeit und die Endgültigkeit des Bruches zwischen den extremistischen Minderheiten unter weißen und schwarzen Amerikanern deutlich, für die Clays Verhalten symptomatisch ist. Es ist ihm gleichgültig, ob er belächelt, beschimpft oder gepriesen wird. Was er in einer naiven, fast bockigen Geste demonstriert, ist nur eine Spielart des Aufbegehrens, den der Studentenführer Stockeley Carmichael mit seinem unartikulierten Schrei nach schwarzer Macht, der Bonvivant Adam Clayton Powell mit seiner höhnischen Mißachtung der im Kongreß geltenden ungeschriebenen Anstandsregeln und der Friedensnobelpreisträger Martin Luther King mit seinem Feldzug gegen den Krieg in Vietnam auf andere Weise ausdrücken. Das Mißtrauen wird zum Abgrund. Eine paradoxe Form des Nihilismus macht sich unter den Farbigen breit, die wissen, daß sie keine andere Heimat als Amerika haben – dies Amerika aber nicht mehr als ihre Heimat anerkennen wollen.

Von Cassius Clay wird diese Episode berichtet: Nach seinem Olympia-Sieg von Rom über den Polen Pietryzykowski, stichelte ihn ein sowjetischer Journalist mit der Frage: „Was empfinden Sie dabei, daß Sie selbst als Goldmedaillen-Gewinner in den USA nicht mit weißen Amerikanern im gleichen Restaurant essen können?“ Stolz und patriotisch entgegnete Clay: „Berichten Sie Ihren Lesern, wir hätten qualifizierte Leute, die sich mit diesem Problem befassen, und ich mache mir keine Sorgen, wie es geregelt werden wird. Für mich ist Amerika nach wie vor das beste Land der Welt, Ihr Land einbegriffen.“ So sprach vor sieben Jahren der Sonnen junge Cassius Clay, der dann den dahinsiechenden Berufs-Boxsport wieder auf die Beine brachte, die Kassen von Promotern und Managern füllen half und Millionen Amerikaner an Fernsehschirme lockte, wenn er kämpfte.