August Bebel: Politik als Theorie und Praxis, ausgewählte Texte aus Reden und Schriften. Eingeleitet und herausgegeben von Albrecht Langner. Verlag Jakob Hegner, Köln; 316 S., 14,80 DM

Es ist ein denkwürdiges Ereignis, daß August Bebels Gedanken heute nicht etwa von einem sozialdemokratischen Unternehmen, sondern von einem Verlag publiziert werden, den Bebel ganz sicher auf der anderen Seite der Klassenbarrikade eingeordnet hätte. Der Herausgeber hat mit Einfühlungsvermögen und offensichtlich erst nach gründlichem Studium der Bebeischen Schriften seine Auswahl getroffen; seine Kommentare sind zurückhaltend und mehr erklärend als kritisch. Langner meint, Bebels Versuch, Politik als Synthese von Theorie und Praxis auf der Basis des frühen Marxismus zu vollziehen, sei der historisch wirkungsvollste gewesen.

Wer in den Texten blättert, den wundert es nicht, daß um die Jahrhundertwende noch viele Arbeiter ihren Marx oder eben auch ihren Bebel auf der Kommode stehen hatten und gelegentlich darin lasen. Bücher wurden damals sehr viel ernster genommen als heute, und ein Führer der Sozialdemokratischen Partei vom Zuschnitt August Bebels fand nichts dabei, auch selber zu schreiben. Es wäre ihm eher seltsam vorgekommen, das etwa nicht zu tun.

Auf dem Parteitag in Erfurt (1891) setzte er sich mit der innerparteilichen Opposition auf seine Weise auseinander: „Ich habe nichts gegen das Kritisieren; es soll mir einer sagen, ob ein Mensch in der Fraktion ist, der sich sein Recht, seine Meinung frei zu äußern und anderen auch einmal den Kopf zu waschen, weniger streitig machen läßt als ich. Das Recht, auch einen oppositionellen Standpunkt zu vertreten bis aufs äußerste, lasse ich mir zu allerletzt nehmen, und nervös, wie wir alle sind, geraten wir denn auch manchmal so aneinander, wie es nur bei nervösen Menschen denkbar ist. Das tut aber der Freundschaft keinen Eintrag. Wird der eine überstimmt, dann macht er kein trübes Gesicht, sondern tut sein möglichstes, um die Beschlüsse der Majorität im Reichstag zu vertreten. (Sehr gut! Lebhafter Beifall). Das wäre eine schöne Partei, wo die Minorität der Majorität sich nicht fügen wollte!“

Aber man hätte Bebel sehr mißverstanden, wollte man aus dieser Standpauke herauslesen, daß ihm etwa die Mitläufer sympathisch gewesen seien. Sie kanzelte er erst recht ab: „Der Mann, der wenigstens offen seinen Standpunkt vertritt, bei dem weiß ich, woran ich bin, mit dem kann ich kämpfen, entweder er siegt oder ich, aber die faulen Elemente, die sich immer drücken und jeder klaren Entscheidung aus dem Wege gehen, die immer wieder sagen: Wir sind ja alle einig, sind ja alle Brüder, das sind die allerschlimmsten!“

Die Sozialdemokratische Partei hat heute ein neues Programm. Aber es könnte jungen Sozialisten (auch Liberalen und Christlichen Demokraten) nicht schaden, wenn sie sich gelegentlich die Zeit nähmen, sich in das Denken eines großen politischen Architekten zu vertiefen.

Ulrich Lohmar