Von Michael Jungblut

Wohin treibt die Bundesrepublik? Diese Frage scheint man sich nur in der Schweiz zu stellen – gleichgültig ob man wie der Philosoph Karl Jaspers über die politische Zukunft der Deutschen nachsinnt oder wie die Prognos AG in Basel mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden die wirtschaftliche Entwicklung bis in das Jahr 1980 hinein zu verfolgen trachtet.

Solange in Bonn Ludwig Erhard die Richtlinien der Wirtschaftspolitik bestimmte, galt es schlicht als Sünde wider den Geist der Marktwirtschaft, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Solche Überlegungen förderten nur die Neigung, in die Fußstapfen der Planificateure zu treten, hieß es. Man tappte lieber im Dunkeln und hielt es noch für eine Tugend.

Nur das Statistische Bundesamt brach bisher aus der Front der Prognosegegner aus. Das Amt veröffentlichte im Herbst 1966 eine Studie über die Bevölkerungsentwicklung bis ins Jahr 2000 hinein. Die Ergebnisse sollten allen zu denken geben, die gewohnt sind, wirtschaftliche Vorhersagen als „blutleere Mathematik“ und gefährliche Spielerei unverbesserlicher Planwirtschaftler abzutun. Nach Ansicht der Bevölkerungswissenschaftler wird nämlich in den zwanzig Jahren von 1961 bis 1980 die Bevölkerung der Bundesrepublik von 56,1 Millionen auf 62,8 Millionen wachsen. 1985 sollen es 64,1 Millionen sein und bis zum Ende des Jahrhunderts müssen sogar fast 70 Millionen Einwohner ernährt, gekleidet und mit einer Wohnung versehen werden. Wo heute 236 Menschen pro Quadratkilometer leben, werden 1980 etwa 253 und im Jahre 2000 sogar 281 wohnen und arbeiten.

Diese Bevölkerungsentwicklung wird uns noch manches Kopfzerbrechen bereiten. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter wächst nämlich nicht im gleichen Tempo wie die Gesamtbevölkerung. Während 1965 rund 66 Prozent aller Westdeutschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren waren, werden es 1980 nur knapp 62 Prozent sein.

Nicht jeder im erwerbsfähigen Alter ist auch in der Wirtschaft tätig. Invaliden, Hausfrauen und Jugendliche in der Ausbildung nehmen nicht an der Güterproduktion teil. Die Verschiebung der Altersstruktur führt dazu, daß 1980 von je tausend Erwerbstätigen 1235 nichtarbeitende Personen miternährt werden müssen – 1960 waren es erst 1090. Sorgen macht aber nicht nur die wachsende Zahl alter Menschen – der „Rentenberg“, der uns noch manches Opfer abverlangen wird –, sondern auch die wachsenden Kinderscharen, die in die Schulen drängen.

Die Zahl der schulpflichtigen Kinder wird schon am Ende dieses Jahrzehnts um zehn Prozent höher sein als 1965. In den Jahren um 1980 wird sie um ein Viertel, später sogar um vierzig Prozent höher liegen. Wegen der Verschiebung im Altersaufbau steigt an den weiterführenden Schulen die Flut der Schüler noch rascher an – selbst dann, wenn sich nicht mehr Eltern als bisher dazu entschließen, ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu sichern.