Von Walter Abendrot

Es gibt Dinge und Angelegenheiten, deren Bedeutung nicht wirksamer dargestellt werden kann als durch die nüchternste, sachlichste Tatsachenschilderung. Jede rhetorische Zutat, jede Umschreibung, jede Verschnörkelung ist da fehl am Ort und nur geeignet, von der Sache abzulenken. Zumal das unverschuldete wie auch das verschuldete Elend, die große Not haben gegenüber dem menschlichkeitstriefenden Redeschwung mancher glücklicheren Zeitgenossen ihre besondere eigene Würde. Wer helfen will, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, tut gut, seine Mittlerrolle so unscheinbar wie möglich zu halten; gleich dem guten Regisseur, der nicht die eigene Person beifallheischend zwischen das Stück und die Zuschauer drängt.

Es ist eine offene Frage, ob solche Zurückhaltung gerade von einem prominenten Schriftsteller, Lyriker und Erzähler erwartet werden kann, wenn dieser sich einmal vorgesetzt hat, seine Feder in den Dienst derartiger Mittlerschaft zu stellen. Ist er doch von Berufs wegen dem künstlerischen Grundgesetz verpflichtet, das da besagt: nicht auf den Gegenstand, auf die Darbietungsform kommt es an. Mindestens wird er zu dem Glauben geneigt sein, der guten Sache doppelt nützen zu können mit literarischer Ausschmückung, unterhaltsamer Auflockerung, mundgerechter Lesbarmachung schlimmstenfalls auch für dennoch lesende Nichtleser. Allein: muß dieses wohlgemeinte Bemühen nicht zuschanden werden an einem „Stoff“, wie es die SOS-Kinderdörfer sind, sowohl was die traurigen Voraussetzungen betrifft, aus denen ihr Gedanke sich einmal bilden mußte, als auch was den vahrhaft karitativen Impuls angeht, der vor Jahren den tätigen Idealisten Hermann Gmeiner bewog, heimatlosen, entwurzelten und gefährdeten Kindern einen Lebensbezirk zu schaffen, in welchem sie die Wärme der Familie, die Ordnung menschlicher Gemeinschaft finden und sich selbst entdecken können?

Der Autor, der sich in menschenfreundlichster Absicht jetzt tatsächlich diesen Stoff suchte, empfand sehr wohl die Notgedrungenheit größtmöglicher Wirklichkeitsnähe. Darum verbrachte er, bevor er zu schreiben begann, einige Zeit in einem SOS-Kinderdorf und besprach sich auch mit Hermann Gmeiner selbst. So guter Vorbereitung verdankt sich also das schon durch die Person des Verfassers empfohlene Buch –

Wolfgang Weyrauch: „Das erste Haus hieß Frieden“ – Die SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiners; Kindler Verlag, München; 272 S., 19,80 DM.

An solider Faktizität fehlt es dem Buch keineswegs. Soweit hat alles seine Richtigkeit. Auch bestätigt es den Impuls des Unternehmens, daß Verlag und Autor je zehn Prozent der Tantieme aus dem Erlös des Buches an die SOS-Kinderdörfer abführen, wodurch jeder Käufer automatisch ein Helfer der heimat- und elternlosen Kinder wird. Das aber lähmt nun freilich dem gewissenhaften Kritiker die Zunge, der sich aus rein handwerklichen Gründen etwa versucht fühlen sollte, am vorliegenden Exempel mit einer Untersuchung im Sinne der obigen Einleitung ernst zu machen. Er dürfte sich den Vorwurf zuziehen, einen idealen Zweck durchkreuzt, eine gute Sache geschädigt zu haben. Wer möchte so üble Nachrede riskieren? Da bleibt nur übrig, lieber einmal die intellektuelle Moral zugunsten der humanitären hintanzusetzen – und dem episch-didaktischen Werbepoem guten Wind in die Segel und glückliche Fahrt zu wünschen.