Die Auftriebskräfte erlahmen, die Bundesrepublik fällt im Wettlauf der Industrienationen zurück Die ZEIT analysiert, welche Chance die Industrien von morgen im Deutschland von heute haben.

Von Diether Stolze

Der amerikanische Mathematiker Herman Kahn, als Atomstratege berühmt geworden, aber neuerdings mehr an friedlichen Prognosen interessiert, hat in seinem Hudson-Institut eine Studie über die ökonomische Entwicklung der nächsten – 33 Jahre erarbeitet. Diese Vorschau stimmt optimistisch: In allen fünf durchgespielten Modellen erwies sich eine weltweite Wirtschaftskrise als so extrem unwahrscheinlich, daß Kahn „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ eine unaufhaltsame Steigerung des Lebensstandards in den hochentwickelten Industriestaaten vorauszusagen wagt.

Unter den Ländern, die im Aufbruch zur Überflußgesellschaft des Jahres 2000 ganz vorn stehen, fehlt freilich ein Staat, der durch seinen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg die Welt in Erstaunen versetzt hatte: der Bundesrepublik Deutschland weist Kahn nur einen Platz im Mittelfeld zu.

Wir müssen aber gar nicht über das Jahr 2000 spekulieren, um Hinweise darauf zu finden, daß die wirtschaftliche Dynamik in unserem Land zu erlahmen beginnt. In allen mittelfristigen Prognosen der EWG oder der OECD für die Zeit bis 1970 und danach wird für die Bundesrepublik ein geringeres wirtschaftliches Wachstum erwartet als etwa für Frankreich, Italien oder auch die USA. Und kaum jemand zweifelt noch daran, daß noch vor dem Jahr 1980 die Bundesrepublik von ihrem Platz als drittgrößter Industriestaat der Welt durch Japan verdrängt werden wird.

Jeder Versuch, die Ursachen des zunehmenden Erlahmens der wirtschaftlichen Auftriebskräfte zu analysieren, begegnet der Schwierigkeit, daß hierzulande kaum zwischen Struktur- und Konjunkturpolitik unterschieden wird – präziser gesagt, daß wir bislang überhaupt nicht bewußt Strukturpolitik betrieben haben.

In den fetten Jahren, als die Löhne und die Gewinne immer höher kletterten, sind alle Warnungen vor der „Vergreisung“ unserer Wirtschaft ungehört verhallt. Schließlich lief alles gut – und wenn wirklich einmal eine Branche in Schwierigkeiten kam, konnte man ihr aus den reichlich gefüllten Staatskassen mit Subventionen über die Runden helfen.