Von German Kratochwil

Mitte April sprachen im Rahmen einer „Lateinamerikanischen Woche“ in Paris drei namhafte Schriftsteller über Stellung und Aufgabe der Literatur auf dem Subkontinent. Der Kubaner Alejo Carpentier beschwor die paradiesischen Fortschritte auf seiner Insel; der Guatemalteke Miguel Angel Asturias sah im Schriftsteller den Ankläger sozialer und politischer Mißstände; zuletzt erklärte der junge Peruaner Mario Vargas Llosa (sein wichtiges Erstlingswerk „Die Stadt und die Hunde“ ist bei Luchterhand in deutscher Übersetzung erschienen) die wachsende Bedeutsamkeit und Qualität der lateinamerikanischen Literatur aus dem Fäulnisprozeß der Gesellschaft, von dem sie sich nährt. Trotzdem hielt er seinen Beruf für unzulänglich: „Ich bin überzeugt, daß die einzige Abhilfe für unseren Kontinent die Berge und die Gewehre sind.“

Die Ausführungen mochten übertrieben wirken, aber sie zeigten die Perspektive, in der sich heute die wichtigsten Autoren dieses Sprachraumes gern betrachtet wüßten.

Ein Autor auf dem bürgerlichen Mittelweg hat es schwerer, sich einzuordnen, besonders dann, wenn er auch mit den Vertretern der konservativ orientierten Literatur nichts zu tun haben will. Sein soziales Bewußtsein gleicht dem seiner radikalen Kollegen, aber sein biederer Charakter scheut letztlich vor zerstörenden Extremen zurück. Das bedeutsame, erfolgreiche Buch des Argentiniers

Ernesto Sábato: „Über Helden und Gräber“, aus dem Argentinischen von Otto Wolf; Limes Verlag, Wiesbaden; 499 S., 25,– DM

ist vor allem aus dieser Perspektive ein wichtiges Werk der jüngsten lateinamerikanischen Romanproduktion. Sábatos Manien, Gedanken und Erfahrungen – das Material, das er in den Roman hineinbringt – kommen alle aus dem Feld der mittelschichtigen Bewußtseinsbildung. Da er es weiß, versucht er diesen Ursprung zu verwischen: durch das negative Bild, das er von der traditionellen Oberschicht Argentiniens entwirft, durch den ungenierten Gebrauch obszöner Worte, durch den Anspruch, mit diesem Buch einige morsche Idole Argentiniens vom Sockel zu stürzen. Aber wenn etwas Arges beschrieben werden soll, dann nennt er es „böse“ oder „pervers“; Adjektive wie „rein“, „schmutzig“, „mysteriös“ verraten die Kinderstube.

Der sechsundfünfzigjährige Autor gehört jenem Typ an, der im Grund nur ein Buch schreibt. In seiner Jugend war er Kommunist, später zeichnete er sich wissenschaftlich, auf den Gebieten der Mathematik und Physik, aus. Er hat vorher nur einen Roman veröffentlicht. Zwölf Jahre verstrichen, bis 1960 das neue Werk erschien, das alle Zeichen eines mühevollen und außerordentlich aufrichtigen Elaborates trägt. Ich muß der Meinung von Witold Gombrowicz im Vorwort zur deutschen Ausgabe widersprechen, nach dem „für die moderne Kritik dieser Roman wahrscheinlich den Fehler (hat), zu verführerisch, zu attraktiv und zu leidenschaftlich zu sein“. Aber ich will diesen Widerspruch begründen.