Bangen um die Geborgenheit

Von Leona Siebenschön

So ein Mann wäre, der seinem rechten Weibe ihr frauliches Recht nicht tun könnte...“ – für solchen Notstand war nach altdeutschem Recht Vorsorge getroffen. Der Mann sollte, so hieß es in dem Juristentext, die Bedürftige „sachte auf den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und dort fürsichtig niedersetzen und fünf Stünden lang um Hilfe rufen, daß man ihm seines Weibes Not wehren helfe“. Wenn soviel Beistand aber nichts nützte, so sollte er sie mit Geld und einem neuen Kleide „senden auf die nächste Kirchweih in der Näh“. Käme die Ärmste indes „auch von dorther ungeholfen, nun, so mögen ihr tausend Teufel helfen“.

Sie müssen nun wohl her, die tausend Teufel. Denn anders ist dem permanenten Notstand heutiger Ehefrauen, wenn man den Psycho-Chronisten glauben darf, nicht beizukommen. „Entfesselung der Frau“ haben die Soziologen, legendäre Schrecknisse erwachter Furien im aufgestörten Sinn, jenen Prozeß genannt, der an den Grundfesten unserer Gesellschaft – und der Ehe – rüttelt. Westdeutschlands Ehefrauen sind, wie „Bild“ klagte, „von allen guten Geistern verlassen“; Sie sind sexuell enthemmt.

Überreife Urlaubswitwen, ins Kunstfasermieder gepreßt, suchen ihr Heil statt auf der Kirchweih nunmehr zwischen Korfu und Kreta; schaukeln mittels eines Holiday-Dampfers des Meeres und der Liebe Wellen entgegen. Alerte Bürodamen, die Pille griffbereit im Schminktäschchen, tragen ihr Begehren mit sonstigen Expreßaufträgen vom Tipptisch eilfertig zum Paternoster und spähen, ob sich zwischen Rohrpost und Computer nicht doch ein dienstbereiter Teufel fände. Nervöse Nur-Herdhüterinnen, bewußtseinsgestört in textile Provisorien gehüllt, lauern am Guckloch der entriegelten Reihenhaustür, wann endlich der Postbote oder Klempner Einlaß begehre.

Nichts kann, so liest und hört der aufgeschreckte Zeitgenosse, die entfesselten Triebe der Frau noch bändigen. Sie haben den Käfig der Konventionen gesprengt. Wie, so mag manch besorgter Zeitbetrachter fragen, soll die ehrwürdige Institution namens Ehe diesem neuerlichen Aufstand gewachsen sein? Wer soll die Ehe wahren, wenn sogar die Frauen allen Stabilisierungsfaktoren – dem Anstand, der Sitte und der Treue – abgeschworen haben?

Gewiß, die Geschichte kennt Epochen, die es klar widerlegt haben, jenes Urväter-Donnerwort: „Noch nie war die Menschheit so zuchtlos wie heute!“ Und wahr ist auch, daß nach den Perioden wildester Ausgelassenheit dann Sündenverdammung und Ehrbarkeit nur desto glorreicher triumphierten. Es stimmt zum Beispiel, daß nach der Ära uriger Lustbarkeit, wie sie etwa ein Hieronymus Bosch („Garten der Lüste“) gemalt, ein Grimmelshausen („Simplicissimus“) beschrieben und der Schriftsteller Joachim Fernau mit dem neidischen Seufzer bedacht hat: „Was waren unsere Ur-Ur-Großväter doch für herrliche Schweine!“ – daß danach die große, düstere Ernüchterung folgte.