Johannes Brahms: „Ein deutsches Requiem“, „Name“, „Alt-Rhapsodie“; Agnes Giebel, Helen Watts, Hermann Prey, Chor und Orchester der Suisse Romande, Leitung: Ernest Ansermet; Decca SET 334/34, 50,– DM.

Der letzte ethische Akt des Menschen ist die Akzeptierung seines Todes als eines endgültigen Todes. Der Satz stammt von Ernest Ansermet und steht in dessen Buch „Die Grundlagen der Musik im menschlichen Bewußtsein“; er hätte aber auch von Johannes Brahms stammen können, zumindest aus den Jahren 1862 bis 1868, in denen Brahms am „Deutschen Requiem“ arbeitete.

Zwar heißt es in diesem aus Bibelversen zusammengestellten Text: Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Den Satz nahm Brahms in das Oratorium hinein, als seine Mutter starb, er wird vom Solosopran gesungen und klingt wie eine überirdische Verheißung. Und es ist von der Posaune die Rede, die erschallen wird, die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Trotzdem: weder an Auferstehung noch an Eschatologie mochte Brahms zu jener Zeit glauben. Als nach der Aufführung des „Deutschen Requiems“ in Bremen, Karfreitag 1868, ein Geistlicher Brahms rügte, er habe den Kreuzestod Christi nicht mit in das Werk aufgenommen als jenen Moment, der ja wohl mit dem „von nun an“ gemeint sei in dem Vers Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an, da bekannte Brahms, daß er nichts von christlicher Theologie und nichts vom Glauben geschrieben, sondern eine Trauer- und Trostmusik komponiert habe.

Ernest Ansermet nahm das einseitig wörtlich, für ihn ist das „Deutsche Requiem“ eine Trauer- und Trostmusik, und eine schöne dazu, kein dramatisches, eher ein episches Werk. Gerade noch zu den drei größten Ausbrüchen, zu den Fugen und zum „Schall der letzten Posaune“ läßt Ansermet höhere dynamische Grade und ein bißchen Belebung zu, ansonsten herrscht Zurückhaltung, ein edler Friede, eine feine, kultivierte Traueratmosphäre, nur nicht nervös werden, trotzdem nicht.

Auch die Solisten machen bisherige Aufnahmen nicht vergessen: Agnes Giebel nicht die einige Jahre alten Platten mit der Grümmer, Hermann Prey nicht die mit Fischer-Dieskau. Und Helen Watts schon gar nicht die Alt-Rhapsodie mit Kathleen Ferrier. Heinz Josef Herbort