Von Friedrich Andrae

Herbert Franke u. a. (Herausgeber): Saeculum Weltgeschichte, Band 2: Neue Hochkulturen in Asien. Die ersten Hochreligionen. Die griechisch-römische Welt. Herder Verlag, Freiburg; XIII, 677 Seiten, Subskriptionspreis 73,– DM

Der Entwurf einer Weltgeschichte als des Weges der Menschheit zu sich selbst – so formulieren die Herausgeber das Thema ihres großangelegten Unternehmens – birgt die Schwierigkeit jeder „denkenden“ Geschichtsschreibung in sich: Der Historiker hat den, in der Vergangenheit handelnden Trägern der Geschichte den Vorsprung des Wissenden voraus, er kennt die Zukunft, zu der hin das jeweilige historische Ereignis tendiert. Freilich, diese „Zukunft in der Geschichte“ ist, wie Reinhard Wittram kürzlich in einem Essay gleichen Titels überzeugend entwickelt hat, eine „vergangene Zukunft, die auf das vergangene Ereignis relative, nur bis zum heutigen Tage reichende Zukunft, also immer nur ein Teil dessen, was nachher kommt und kommen kann“. Gewiß kann und muß eine Darstellung der Weltgeschichte, die mehr als bloße Aufzählung des Geschehens sein will, die Stationen der Menschheitsentwicklung „zu sich selbst“ im Hinblick auf die erfahrene Weltgeschichte interpretieren – so die Prämisse dieses Vorhabens –, aber sie darf dabei nicht außer acht lassen, wie Joseph Vogt in der Einleitung zu. diesem zweiten Band sagt, daß „die Handelnden, die kommen und gehen, nur eine ferne Ahnung“ haben „von ihrem Auftrag“. Die Hauptperson des Dramas, „die Menschheit, gewinnt erst am Ende eine klarer umrissene Gestalt“.

Während der erste Band zunächst nur die Umrisse der welthistorischen Konzeption deutlich werden ließ, geht aus dem nunmehr vorliegenden zweiten Band stärker hervor, daß Herausgeber und Bearbeiter die Auswahl des Darzustellenden und die Verknüpfung der Einzelphänomene zu einem Ganzen aus der Sicht einer solchen relativen Zukunft vorgenommen haben.

Deutlich wird dies zum Beispiel in der Behandlung der „Randvölker“. Von denen war schon im ersten Band die Rede, und zwar dort im Zusammenhang der Entstehung weltgeschichtlicher Berührungszonen. Dabei wurde die Darstellung der frühen Hochkulturen, die im wesentlichen ihrer typologischen Charakterisierung in ihrem Wesen und Sein galt, gegenübergestellt jener der Berührungszonen unter dem Aspekt des historischen Aufeinanderwirkens und der Auswirkungen der Kulturen auf Zwischen- und Nachbarräume.

Jetzt, in dem neuen Band, haben wir es einmal mit neuen Hochkulturen zu tun oder solchen, die nun schon einen höheren Stand der Ausbildung erfahren haben, und zum anderen weniger mit Zwischenräumen, als mit den Völkern am Rande, sozusagen an der Außenwelt. Das Verhältnis zwischen diesen Hochkulturen und den benachbarten Randvölkern wird hier als ein zentrales Thema der Geschichte gesehen: Dieses Verhältnis bilde „ein wesentliches Agens der Menschheitsgeschichte. Die Grenzräume werden zu Bewährungsproben der Kulturstaaten, in den Randvölkern liegt die Potenz für den Wandel der Kulturen“.

Exemplifiziert wird dieses Thema hier vor allem an den langanhaltenden Kontakten der Kulturen in Europa und Vorderasien mit den Nomaden der eurasischen Steppe und den germanisch-keltischen Völkern in den nordalpinen Randzonen. Davon wird gehandelt im ersten Teil von Stadelmann über Phönizier und Assyrer, von Donner über die Aramäer, Jettmar über die eurasischen Nomaden und Wiessner über die Perser, im zweiten Teil von Bayer im Zusammenhang der griechischen Geschichte und von Narr, in dessen Beitrag die Beziehungen zwischen nordalpiner Eisenzeit und mediterraner Hochkultur im Mittelpunkt stehen.