Von Peter Grubbe

Mehrfach am Tage hatte der neuseeländische Rundfunk darauf hingewiesen: Am Abend wird Premierminister Holyoke eine wichtige politische Erklärung im Fernsehen abgeben. Zur angegebenen Stunde sitzt daher fast die gesamte neuseeländische Bevölkerung vor dem Fernsehschirm.

Die Nachrichten sind zu Ende. Keith Holyoke, konservativer Regierungschef seit 1960, erscheint auf dem Bildschirm. Er gibt bekannt: Neuseeland will genau wie Australien die Amerikaner in Vietnam militärisch stärker unterstützen als bisher. Die Regierung wird weitere 27 Soldaten nach Südvietnam entsenden.

Siebenundzwanzig Soldaten, und zwei Krankenschwestern, und zwei Geschütze. Damit erhöht sich die neuseeländische Streitmacht in Vietnam auf einhundertfünfzig Mann. Aber niemand lächelt bei den Worten des Regierungschefs, alle zeigen ernste Gesichter.

Die Größenverhältnisse und das Leben in Neuseeland haben einen beinahe dörflichen Charakter. Das Land ist etwa so groß wie die Bundesrepublik, hat aber nur zweieinhalb Millionen Einwohner – so viel wie Westberlin. Der Premierminister residiert in dem altmodischen Parlamentsgebäude in Wellington, dem man ansieht, daß es noch aus den Tagen der Königin Viktoria stammt.

Der Regierungschef wirkt ein wenig wie der Bürgermeister einer großen Landgemeinde. Er spricht gern lange und ausführlich, denn man hat ja Zeit in einem Dorf.

Ich frage ihn über Neuseelands Beziehungen zu Europa. „Wir sind wirtschaftlich auf England angewiesen“, sagt er. „England ist unser wichtigster Kunde. Ein Beitritt Englands zum Gemeinsamen Markt würde schwere Probleme für uns heraufbeschwören. Wir können ohne spezielle Zollerleichterungen nicht mit Holland oder Dänemark konkurrieren. Unsere Butter und unser Fleisch müssen um die halbe Erde herumreisen, bis sie nach England kommen.“