Hamburg

Er schien sichtlich gerührt und erfreut. Walter Hallstein, Präsident der EWG-Kommission in Brüssel, stand spät in der Nacht auf einer kleinen Freitreppe des Hamburger Hotels Atlantic und hob die Arme in die Höhe, mit der gleichen Pose, wie es sein großer Widersacher aus Paris zu tun pflegt, wenn er sich dem Volk zeigt. Hier waren es „Junge Europäer“, Studenten, Mitglieder der Europa-Union, die nach altem akademischen Brauch dem Professor Hallstein einen Fackelzug brachten. Der Präsident der EWG-Kommission, Gast des Hamburger Überseetages, hatte den ganzen Tag über immer wieder seine Entscheidung erläutern müssen, warum er in der vereinigten Kommission der Europa-Behörden kein Amt zu übernehmen gedenkt. „Nichts wäre unrichtiger, als in meinem Schritt einen Akt der Resignation zu sehen“, erklärte der Professor auch jetzt den Fackelträgern.

Zwei Stunden vorher waren die jungen Europäer in einem Hörsaal der Universität zusammengekommen, um gegen Hallsteins Entscheidung zu protestieren. Und mit dem Schein ihrer Fackeln wollten sie gleichzeitig dem ebenfalls im Hotel Atlantic weilenden Bundeskanzler Kiesinger heimleuchten; sie argwöhnten, dieser habe dem General im Elysée den europäischen Professor geopfert.

Der nächtliche Fackelzug an der Alster war für die „Jungen Europäer“ und ihre Europa-Union ein guter Anlaß, sich wieder in das Gedächtnis ihrer Mitbürger zu rufen. Ein paar Tage vorher schon waren sie – wie auch ihre Freunde in anderen Teilen der Bundesrepublik – zu der „Europa-Aktion 67“ gestartet. Sie hatten Faltblätter verteilt: „Alle Europäer wollen – Reisen ohne Grenzkontrollen“. In der richtigen Betonung reimt sich der Slogan und wird, so hoffen die Initiatoren im Benner Generalsekretariat der Europa-Union, auch in den Ohren derer haften bleiben, die Pfingsten in Konstanz oder Flensburg, in Kehl oder Aachen, in Kufstein oder Basel die Grenze überschreiten. Sie werden von der Europa-Union ebenfalls ein kleines Faltblatt und eine Plakette für ihren Wagen in die Hand gedrückt bekommen und sollen sich – so ist es erwünscht – durch eine Unterschrift mit dem Ziel der Europa-Aktion 67 „Reisen ohne Grenzkontrollen“ solidarisch erklären.

Ein Appell an den Bundeskanzler, die Grenzen für den Reiseverkehr zu öffnen, wurde bereits vom Präsidenten der Europa-Union, Friedrich Carl von Oppenheim, überreicht. Die Fackeln der Hamburger Studenten sollten den Bundeskanzler noch einmal an Europa erinnern. Er trat neben Hallstein auf die Freitreppe, über sich in blauer Leuchtschrift „Atlantic-Grill“, lächelte und versprach in gewohnter Bonhomie, sein Bestes zu tun. H. K.