In amerikanischen Aktionärsversammlungen führen Frauen das große Wort

Herr Vorsitzender! – – – Herr Vorsitzender! – – – Herr Vorsitzender!“ Und noch einmal, diesmal mit allem Nachdruck: „Herr Vorsitzender!“

Jemand im großen Saal, in dem die XYZ-Aktiengesellschaft der USA ihre Generalversammlung abhielt, sagt laut und vernehmlich: „Halt’s Maul.“ Eine ältere Dame, ebenfalls aus den Reihen der Aktionäre, piepst: „Oh, mein Gott oh, mein Gott.“ Oben auf der Bühne hat der Aufsichtsratsvorsitzende einige Mühe, unausgesetzt streng nach links hinten in den Saal zu blicken, um den Zwischenrufer wirkungsvoll übersehen zu können. Unter dem Tisch, der glücklicherweise mit einem grünen Tuch verhängt war, zittern ihm die Knie. Er läßt seinen Blick über die Versammlung schweifen – und das Unglück ist geschehen. Mit resignierter Stimme erteilt er der Zwischenruferin das Wort.

Einer dieser geplagten Manager soll vor Jahren einmal gesagt haben, er würde glücklich sein, sich mit 50 000 Dollar weniger Jahresgehalt zufrieden zu geben, wenn ein Mittel gefunden werden könnte, um ihm die Plage der redegewandten weiblichen Aktionärs-Opponenten vom Halse zu schaffen. Er sagte das auf englisch und – da er unter Freunden war – in eindeutig klaren und unmißverständlichen Worten. Dieser Wunsch blieb ihm versagt. So findet man heute auf vielen Generalversammlungen bedeutender amerikanischer Gesellschaften eine kleine Elitegruppe von weiblichen Aktivisten, die mit Hilfe von einer oder zwei eigens zu diesem Zweck erworbenen Aktien Jahr für Jahr in die Aktionärsversammlung „ihrer“ Lieblingsgesellschaften gehen und alles tun, „to raise hell!“ (um Krach zu schlagen).

Eine dieser Damen, Evelyn Davis, schlug diesen Krach in diesem Jahr auf der Hauptversammlung des Columbia Broadcasting System (CBS). Sie trug zu diesem Behuf einen Fußballhelm, einen Minirock, Cowboystiefel und ein Unterhemd mit dem Motto „I was born to raise hell!“ Auf deutsch heißt das „Ich wurde geboren, um höllischen Krach zu schlagen!“ Der CBS-Präsident, der von den Fernsehschirmen seiner Gesellschaft an weit Furchtbareres gewöhnt ist, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Als ihr Kreischen nicht mehr zu überhören war, sagte er kühl: „Madam, vielleicht würden Sie in der Hölle wirklich wirksamer sein!“ Der gute Firmenchef ahnte nicht, wie nahe er möglicherweise am vollen Ausdruck des Zornes der erbosten „Aktionärin“ vorbeikam. Bei einer anderen Generalversammlung, ebenfalls dieses Jahr, versetzte Aktionär Davis einem männlichen Teilnehmer, der ihr widersprochen hatte, kurz und bündig vor dem Mikrophon eine schallende Ohrfeige.

Frauen haben das Geld

Auch amerikanische Generalversammlungen werden im allgemeinen mit mehr Würde abgehalten. Es mag turbulent werden, wenn eine Aktionärsgruppe etwas an der Geschäftsführung zu bemängeln hat oder die Gewinne nicht den Erwartungen entsprachen. Das war bis vor fast genau zwanzig Jahren die allgemeine Norm. Im Mai 1947 erhob sich auf der Generalversammlung der United States Steel Corp. eine damals etwa 40jährige Dame, der der Vorsitzende ohne zu wissen, was er damit anrichtete, das Wort erteilte. „Im Aufsichtsrat der Firma müßte auch eine Frau sitzen“, sagte sie. Es war Wilma Soss, heute wie damals der „Schrecken der Generalversammlungen“. Die Geschichte berichtet nicht, ob der Vorsitzende der U. S. Steel (der nach zeitgenössischen Berichten mitsamt seinem Vorstand mit offenen Mündern dastand beziehungsweise -saß) es je zur Abstimmung über die Forderung kommen ließ, oder ob die für die damalige Zeit ungeheuerliche Zumutung irgendwie sonst abgedreht wurde. Es war jedenfalls in jenem denkwürdigen Jahr, daß Wilma Soss die heilige Fahne des Krieges gegen die Männer im Geschäftsleben aufgriff und die Federation of Women Shareholders in American Business gründete, mit sich selbst als Vorsitzender. Zwei Jahre später ließ sie sich photographieren, als sie einer ihrer Mitgründerinnen eine Orchidee ansteckte. Die Dame war gerade zum Vertrauensmann einer Bank gewählt worden. Das Leitmotiv ihrer Gruppe, sagte Wilma Soss damals, liege in alter Geschichte. Die Frauen, sagte sie, haben schon von Anfang an das Geld gehabt, wie bei den alten Göttinnen und den alten Göttern. Das Silber, sagte sie weiter, floß zuerst in die Tempel der Göttinnen und nicht die der Götter, aus dem einfachen Grund, weil die Götter noch nicht da waren. Frauen, stellte die streitbare Wilma fest, waren die ersten Orakel in alten Zeiten, und Kaufleute aus allen Teilen der Welt konsultierten sie.