Von Herbert Jhering

Die Theater- und Filmgeschichte wimmelt von Jubiläen. Über Sechzig- bis Achtzigjährige krachen die zurück- und vorausblickenden Hymnen. Fritz Kortner neben wenigen anderen muß aus dieser Serie herausgenommen werden. Denn er ist kämpfende Theatergeschichte geblieben. Bern jeder Ruhe und jedes Genießens rühmlicher Erfolge. Mit Kortner bewegte sich das Theater. Mit ihm bewegt es sich auch heute. Eine Pause gibt es nicht. Von den Schauspielern und Regisseuren, die ich kenne, ist Kortner der am wenigsten feierliche.

Als er, ein etwa zwanzigjähriger Anfänger, zu Max Reinhardt kam und kleine Wedekind- und Shakespeare-Rollen spielte, entstand eine in Theaterkreisen heute noch bekannte Anekdote: Felix Holländer, Max Reinhardts Stellvertreter, Regisseur und Dramaturg, sah Kortner in einem Vorzimmer stehen, raste an ihm vorbei und rief: „Herr Kortner, Ihre Zeit kommt noch!“ Darüber wurde viel gelacht.

Kortner beobachtete jeden Partner, spielte mit ihm, beeinflußte ihn, aber nicht im Sinne eines Stars, sondern als Mitspieler, als Ensemble-bildender Stück-Interpret.

Dieses schöpferische Ensemblespiel Kortners lernte ich schon während des Ersten Weltkrieges an der Volksbühne in Wien kennen. Ich war damals, Nachfolger Bertold Viertels, als Dramaturg und Regisseur an diese Bühne engagiert und konnte mit Kortner und Agnes Straub in den Hauptrollen unter anderem Hebbels „Herodes und Mariamne“, Tolstois „Macht der Finsternis“ und Paul Claudels „Verkündigung“ inszenieren.

Kortner wollte nicht als Star mit Stichwortbringern auftreten, sondern mit echten Partnern. So war er an der Wiener Volksbühne begeistert, mit Agnes Straub, einer der besten jungen Charakterspielerinnen, zusammen spielen zu können. Und für mich war es eine wunderbare, produktive Lernzeit. Der vierundzwanzigjährige Fritz Kortner baute von der Sprache Shakespeares, Hebbels, Tolstois und Claudels seine Rollen mimisch und gestisch auf. Er konnte nicht sprechen, ohne die Figur sofort gestisch zu übersetzen. Für ihn wurde die Geste von der Sprache geboren, und die Geste wieder baute die Sprache um. Diese Akzentsetzungen beeinflußten die Partner und bald die ganze Aufführung. Sein Spiel war zugleich Spiel und Regie.