Von Walter Jens

Dämmerlicht liegt über der winzigen Bühne; die Hauptperson, der kranke Dichter Mieczyslab Walpurg, ist unter den Kissengebirgen eines Irrenhausbettes verborgen, ein Film projiziert Alpträume an die gekachelte Wand: Jugendstil-Schemen, Henkel und Schöße huschen vorüber. Hinter dem Guckloch flüstern Münder von Ärzten und Schwestern, die Gesichter sind in freundliches Ocker getaucht, während auf der Bühne die Totentänzer von Anno 1913 ihre Spielchen betreiben.

Dann wird es plötzlich hell, aus Kugellampen quillt Neongrelles, die Stukkatur des Plafonds zeigt ihre Schnörkel und Kurven, es blitzen die Kacheln, ein Waschbecken-Kran entläßt sprudelndes Wasser, Neckarwasser vielleicht – man spielt in einem altersschiefen Gebäude, nur ein paar Dutzend Meter vom Flüßchen entfernt. Stocherkähne gleiten langsam vorbei, man schaut ihnen zu, vor dem Beginn der Vorstellung, bisweilen akzentuiert ferner studentischer Gesang die deutsche Erstaufführung von Stanislaw Ignacy Witkiewiczs "Narr und Nonne", das, einstudiert von einem wahrhaft ingeniösen Regisseur, in diesen Wochen nicht nur die Tübinger begeistert sein läßt. Der Erfolg ist spektakulär, Kenner aus Hamburg und München stellen sich ein, ein Theater von siebzig Plätzen, in einer Gegend gelegen, die Schauspieler mit dem freundlichen Wörtchen Provinz nicht unzutreffend beschreiben, dieses Theaterchen ist plötzlich zum Gesprächsobjekt der Auguren geworden, und das ganz zu Recht.

Zum erstenmal wird in der Bundesrepublik ein Drama gezeigt, das, 1924 in Thorn uraufgeführt, die Praktiken Ionescos und Becketts vorwegnimmt und die Gesetze des absurden Theaters strikt befolgt (Tote werden lebendig, Irre erweisen sich als höchst normal, die Ärzte sind verrückt, Nonnen verfallen fleischlicher Lust), ohne daß die Groteske jemals in Clownerie und billiger Verve verflacht. So eindeutig bei Witkiewicz die Regeln der Psychologie außer Kraft gesetzt sind, die Seelensprünge von einem Moment zum anderen, die Umschwünge und Volten erscheinen immer plausibel; im Gegensatz zu manchem Avantgardisten-Drama von heute läßt sich in "Narr und Nonne" die jeweilige Seelenlage nicht beliebig verkehren. Die Sprengung der Identität, jene Erweiterung einer Persönlichkeit, der man mit den Regeln der Psychoanalyse nicht mehr beikommen kann, ist von ebenso logischer wie poetischer Folgerichtigkeit. Ein Fall wird durchexerziert, das Psychogramm zweier Individuen (des Narren und der Nonne, des Dichters und seiner Dirne) aufs schönste verdeutlicht, und damit auch der Irrtum all derer gezeigt, die den Menschen für fixierbar halten: unfähig der Metamorphosen, eins mit sich selbst, nicht in der Lage, sich von Augenblick zu Augenblick zu verändern.

Dieses Spiel im Irrenhaus, eine bitterernste Groteske, eine Tragikomödie unter dem Motiv "Laßt euch nicht zu Maschinenmenschen machen", wurde in Tübingen mit einer Meisterschaft gespielt, die nicht nur den Einheimischen erstaunlich erschien.

Das Bühnenbild, ein von Jürgen Schmidt-Oehm entworfener Kitsch-Kerker in Weiß, und die Film-Montagen Herbert Schwöbels – Reigen der Positive und Negative, der Starrheit und des schwebenden Tanzes: Spiegelung und Deutung des Bühnengeschehens – gaben den Rahmen für die Inszenierung Salvatore Poddines, dem, von der Pantomime bis zum vielfach abgestuften Dialog, schlechthin alles gelang. Bewundernswert, welche adäquaten Interpretationshilfen allein die Lichteffekte, eine verwegene Blau-Gelb- und Schwarz-Weiß-Antithetik, auf der winzigen Bühne gaben.

Vorzüglich alle Akteure, die Nonne (Alice Richter) und der Narr voran: sehr souverän und distanziert Hans-Walter Klein, der den Walpurg schon in der Wiener Aufführung spielte und an die Stelle Herwig Marks trat. Dieser nämlich hatte seine Rolle identifiziert, daß man die Aufführungen abbrechen, nach einem Arzt rufen und das Stück neu besetzen mußte. Ein böses Spiel im Spiel: Ihm ist es auch zu verdanken, daß die beispielhafte Aufführung an dieser Stelle erst jetzt wieder angezeigt werden kann.