Von Karl-Heinz Janßen

Die schwere Kunst, mit Falken umzugehen, wurde den Hamburgern in der vorigen Woche an zwei Orten demonstriert: Im Stadtpark führten Falkner vom Jagdschloß Kranichstein einer staunenden Menge abgerichtete Greifvögel vor; im Curio-Haus meisterte Herbert Wehner die Attacken einiger besonders angriffslustiger Vertreter der Sozialistischen Jugend, der sogenannten „Falken“.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende hatte den bei weitem schwierigeren Part übernommen: Er stellte sich in die Arena ohne Handschuhe, die ihn vor den Krallen der „Falken“ geschützt hatten; er hatte keine Kurzfesseln, keine Langfesseln dabei, mit denen er die Wildwüchsigen hätte zügeln können. Es gehörte Mut dazu, vor die Delegierten des Jugendverbandes zu treten, zwölf Tage nach den für die SPD so wenig erfreulichen Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz, zwölf Tage nach der Abfuhr, die der SED-Parteitag der Wehnerschen Entspannungsofferte erteilt hatte, und wenige Tage nach der ersten spürbaren Kritik an Wirtschaftsminister Schiller.

Gewiß, Wehner hatte die Wucht des zu erwartenden Angriffs aus dem jungen Parteivolk ungefähr abschätzen können, denn nur 24 Prozent der Delegierten wurden der radikaleren „Linken“ zugerechnet. Aber hatte nicht sogar der Bundesausschuß der „Falken“ im vorigen November, allerdings zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Bonner Regierungskrise, Wehners Partei geraten, sie solle mit der FDP eine Koalition eingehen? „Eine den Realitäten entsprechende und unserem Volk nützliche Politik kann nur unter Führung der SPD und nicht in Zusammenarbeit mit der CDU/CSU durchgesetzt werden.“ Mußte nicht jeder Kritiker, der nun dem Parteiboß die (Wahl)früchte der Großen Koalition vorhielt, des Beifalls der Massen sicher sein?

Herbert Wehner tat das Klügste, was er tun konnte: Er redete nicht um den heißen Brei herum. Die SPD müsse eben erst noch lernen, daß nicht alle Zufriedenheit über den neuen Bonner Regierungsstil der SPD zugute komme. „Weder ist die Politik ein Automat, in dem man nach Hineinwerfen einer Münze das Gewünschte unten ohne große Umwege bekommt, noch sind es die Menschen.“ Und auch für die nächsten Jahre konnte er keine goldenen Berge, keine strahlenden Wahlsiege, sondern nur Schweiß und Tränen versprechen: „Die Auseinandersetzungen fordern uns härteste Prüfungen unseres politischen und psychischen Stehvermögens ab.“

Zunächst aber wurde dem Stehvermögen Wehners einiges abverlangt, so viel, daß sich der Berichterstatter der „Welt“ schon um die Gesundheit des gesamtdeutschen Ministers sorgte. (Kommentar eines rebellierenden „Falken“: „Wir sind doch hier kein medizinischer Fachkongreß!“) Mitnichten hatte Wehners Referat über „Deutschland- und Europapolitik“ die Kritiker verstummen lassen. Dazu war sein Vortrag zu langatmig, zu wenig konkret, zu wohlabgewogen-staatsmännisch. Einer nach dem andern trat ans Rednerpult und begann auf den Minister einzuhacken.

An der Tête Manfred Rexin, der junge Wissenschaftler aus Berlin, ein Debattenredner, der dem Bundestag zur Zierde gereichen würde, ein Wahlverwandter von Günter Grass, mit dem er die zupackende Schärfe gemein hat, ein Liberaler eher denn ein Ultra-Linker.