Wenn Fernsehzuschauer ihren Sender anrufen

Von Joachim Fink

Mainz

Daß Fernsehen schlapp und entschlußlos mache, scheint eine Verleumdung. Zehntausende von Sehern handeln im Angesicht der erleuchteten Scheibe sofort. Sie greifen zum Telephon.

Was sie so sagen, druckreif oder ganz das Gegenteil, wird beim Zweiten Deutschen Fernsehen in Mainz jetzt zum erstenmal systematisch ausgewertet. Es entsteht sozusagen das Bild des mitredenden Fernsehteilnehmers. Kaum einer kann darüber farbiger erzählen als eine scharfsinnige und -züngige Dame namens Dr. Elisabeth Steil-Beuerle aus Wiesbaden, die ihren Arbeitstag zwischen Statistischem Bundesamt, freier journalistischer Tätigkeit (ihre China-Reportage auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution erregte Aufsehen) und dem mit zwei Telephonen und einem Fernsehgerät bestückten Platz beim ZDF teilt, an dem die Abendanrufe landen.

Um auch hier mit etwas Statistik zu beginnen: Es rufen 70 Prozent Männer, 30 Prozent Frauen und praktisch 0 Prozent Kinder an. Etwa 60 Prozent kritisieren, 20 Prozent loben, der Rest fragt. Bei der Zuschauerpost ist es genau umgekehrt (nur 12 Prozent negative Stimmen). Warum? Sträubt sich die Feder? Oder – der Verdacht liegt nahe – demonstrieren die Anrufer dem dabeisitzenden Onkel Franz oder der atemlos lauschenden Ehehälfte ihren Mannesmut vor Senderthronen?

Man kann es nicht berechnen. Man kann überhaupt nichts berechnen in diesem Metier. Das kommt manchmal wie ein Sturmwind. Da hat Peter Frankenfeld in der Sendung „Vergißmeinnicht“ plötzlich einen Kandidaten zuviel auf der Bühne. Was tun? Man hat seine Tricks. Frankenfeld zieht einen Zwanzigmarkschein aus der Tasche und fragt blitzschnell, wievielmal die 20 darauf abgebildet ist. Der Sieger darf bleiben.