Ein Ingenieur der Cornell-Universität in Ithaca (New York) hat ein neues Verfahren vorgeschlagen, durch das eine weitere Neigung des schiefen Turms von Pisa verhütet werden kann.

Professor Melvin I. Esrig glaubt, daß der Turm, der sich schon bald nach seiner Errichtung im Jahre 1174 zu neigen begann, mit Hilfe von Elektrizität stabilisiert werden kann. Durch hohle, perforierte Eisenrohre, die auf der Seite des Turms in den Erdboden gerammt werden, von der er sich fortneigt, soll elektrischer Strom geleitet werden. „Wenn man das mit der notwendigen Sorgfalt tut“, erklärt Esrig, „dann müßten elektrokinetische Kräfte eine Kompression des Bodens herbeiführen. Hierdurch würde der Druck, der offenbar die Ursache für die Bewegung des Bauwerks ist, verringert.“

Seit Jahrhunderten bemühen sich Baumeister und Ingenieure um Maßnahmen, die den sechzig Meter hohen Marmor-Campanile vor dem Umfallen bewahren können – womit man, wenn keine Abhilfe geschaffen werden kann, in achtzig bis zweihundert Jahren rechnen muß. Gegenwärtig ist die Spitze des Turms viereinhalb Meter von der Senkrechten entfernt.

Professor Esrig trug seinen Plan zur Rettung des schiefen Turms bei der in dieser Woche tagenden Konferenz der American Society of Civil Engineers in Seattle (Washington) vor. Ob man ihn verwirklichen kann, hängt von dem Ergebnis einer Untersuchung ab, die gegenwärtig von einem internationalen Forscherteam in Pisa durchgeführt wird und bei der unter anderem die Beschaffenheit des Bodens, der das Turmfundament umgibt, geprüft werden soll.

Vor zwei Jahren hat der 37jährige Ingenieur nach der gleichen Methode einige 22 Stockwerke hohe Gebäude in Mexico City geradegerichtet, die sich infolge eines Erdbebens, dessen Zentrum rund 400 Kilometer entfernt war, geneigt hatten.

V. G.