Hans-Joachim Gamm: Pädagogische Studien zum Problem der Judenfeindschaft. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin; 120 Seiten, 10,80 DM

Dieser Mann ist sicher eine Ausnahme – der 40 Jahre alte Lehrer aus dem Kreise Rottweil, der noch vor kurzem „Aphorismen“ drucken ließ wie: „Hitler war für das deutsche Volk viel zu schade“, „Ausrottung der Volkszersetzer in den eigenen Reihen“, „Die Juden sind unsere Todfeinde“.

Auch jener Büsumer Studienrat ist gewiß ein Einzelgänger, der seinen Schülern in der Chemiestunde beibrachte: Die Juden in Auschwitz konnten gar nicht „zu Seife fabriziert“ werden, weil sie nicht fett genug waren. Und auch der Anschlag auf die Kölner Synagoge, die Schändung des Bamberger Judenfriedhofs waren nur Aktionen „außer der Reihe“.

Was heißt es schon, wenn Woche für Woche in der „National- und Soldaten-Zeitung“ (dem drittgrößten politischen Wochenblatt), wenn zwischen den Zeilen des NPD-Organs „Deutsche Nachrichten“ regelmäßig alle acht Tage einem „unterkühlten“ Antisemitismus das Wort geredet wird, wenn Agitatoren der Nationaldemokraten von dem „Weltjudentum“ und den „erpresserischen“ und „blutsaugenden“ Zionisten in Amerika und Israel reden? Ausnahmen dies alles, Randerscheinungen – üble zwar – nachkriegsdeutscher Gesellschaft, nicht mehr?

Der Antisemitismus habe bei uns, so heißt es offiziell, keine Chance mehr. Dennoch: die Verächter sind noch immer und wieder unter uns. Es müssen nicht gleich die Juden sein, die stets „an allem schuld“ waren. Die latente, getarnte Feindschaft der Vielen gegen die Wenigen, der Heimischen gegen die Gettoisierten, ist wandlungsfähig: Gestern noch waren es die Juden, heute sind es die Kommunisten, die Neger, die Gastarbeiter. Noch jede deutsche Gesellschaft schafft sich ihre Feinde. Einer hat immer schuld, einer muß schuld haben: daß es zwei deutsche Staaten gibt, daß die Kriminalität zunimmt und die Arbeitslosenzahl.

Die Deutschen, viele Deutsche brauchen ihre Opfer. Nur, sie sagen es nicht so plump und dreist wie jener Rottweiler Lehrer und der Büsumer Studienrat; sie würden nicht einmal in der Öffentlichkeit dem applaudieren, was in rechtsradikalen Zirkeln und Blättern zur Sprache kommt. Aber häufig denken sie so wie jene dort. Ihre Zustimmung ist nur „gesitteter“: Die Juden, mit denen hatten wir doch immer nur Ärger...

Was es mit dieser unterschwelligen Judenfeindschaft auf sich hat und wie sie, wenn es überhaupt möglich ist, einzudämmen und vielleicht sogar aufzulösen wäre, hat der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Professor Hans-Joachim Gamm in einer, auf den ersten Blick unscheinbaren Schrift dargestellt. Es ist dies indessen, sieht man genauer hin, eine Arbeit, für die das Prädikat „wichtig“ noch zu ungenau wäre. Hier wird, wohl zum erstenmal in dem neuen pädagogischen Schrifttum, Ernst gemacht mit einer aktuellen Aufgabe zeitgemäßer Erziehung – der wirksamen Abwehr reaktionären Denkens und Fühlens.