London, im Mai

Wie leicht es für de Gaulle sein würde, auch das zweite Entree der Engänder bei der EWG in Brüssel zu verhindern, läßt sich noch nicht sagen. Sicher ist, daß Premierminister Wilson es ihm so schwer wie möglich machen wird. Seit seiner 84 Minuten währenden Unterhausrede am Montag, der am selben Abend ein glänzend pariertes 45minütiges Fragenbombardement in der BBC-Fernsehsendung „Panorama“ folgte, ist Wilson der eigentliche Motor des Beitrittsversuchs. Nicht George Brown, der allerdings das Verdienst behalten wird, die mühsame Vorarbeit in seiner Partei geleistet und Zuversicht verbreitet zu haben. Aber im britischen Kabinett wird alle wichtige Politik entweder vom Chef selbst gemacht oder gar nicht.

Wilson hat sich die Reaktionen der USA und der EWG-Länder auf den Londoner Beitrittsbeschluß genau angesehen. In den sieben Tagen seit Verkündung der britischen Absichten haben sich Akzente verlagert. Die wirtschaftlichen Hindernisse bleiben beachtlich, sie kann kein Londoner Politiker bagatellisieren. Aus Neuseeland kommen mahnende Worte, die an die bestehenden Abkommen erinnern. Aber für Wilson ist keine dieser Fragen eine Bedingung, von der er nicht abweichen könnte. Nirgendwo steht zu lesen, daß er die Verhandlungen abbrechen wird, wenn dieser oder jener ökonomische Streitpunkt in die Sackgasse führt. Er hat freie Hand, zu bestimmen, was er als Sicherung britischer Interessen, als Garantie von Commonwealth-Ansprüchen betrachtet und was nicht.

Die Unterhausdebatte hat Wilsons Handlungsfreiheit nur bestätigt. Wenn der „Daily Express“ in einer sogenannten Umfrage ermittelt haben will, nur 30,5 Prozent der Engländer möchten den EWG-Beitritt durch das Parlament, 54,5 Prozent dagegen durch eine Volksabstimmung entschieden sehen, während 15 Prozent „don’t know“ sagten, so ist dies nichts als eine papierene Donquichotterie aus Beaverbrookschem Geist. Jenen 15 Prozent gebührt im übrigen ein Lob, weil sie mit Recht vor einer solchen verfassungsfremden Frage zurückschrecken.

Wilson bemüht sich derzeit weniger um die Zweifler im eigenen Land als um die Skeptiker auf dem Kontinent, die er von der Ernsthaftigkeit des britischen Gesuchs überzeugen möchte. Hält man ihm Zitate aus seinen eigenen Reden von 1962 vor, worin er um den Souveränitätsverzicht besorgt schien, den ein solcher Eintritt England bringen müsse, so verweist er auf den Wandel der Auffassungen, der sich seither vor allem in Paris angebahnt habe, wo auch niemand mehr an supranationale Gremien denke. Für ihn ist das so wenig ein Problem wie für de Gaulle.

Damit der General nicht eine neue britische Januspolitik fürchtet, wie sie Macmillan vor vier Jahren trieb, als er in Brüssel mit der EWG über Agrarpreise und in Nassau mit Kennedy über Atomwaffen verhandelte, hat Wilson eine solche Wiederholung dezidiert abgelehnt. Zwar wird es an der Zeit, daß sich die Engländer über ihre Bewaffnung in den siebziger Jahren klarwerden. Aber die Amerikaner werden kein neues Nassau erleben.

Statt dessen, streicht die britische Regierung ihre Bereitschaft zur anglo-französischen Zusammenarbeit, die sie am liebsten zu britisch-französischdeutschen Gemeinschaftsprojekten erweitert sähe, groß heraus. Verteidigungsminister Healey hat in Paris das Abkommen über den Bau des kostspieligen Kampfflugzeugs mit verstellbaren Tragflächen aus dem Engpaß finanzieller Kalkulationen herausgebracht. Mag die letzte Einigung noch ausstehen, so ist doch die enge Kooperation in der zivilen wie militärischen Flugzeugproduktion für die nächsten acht bis zehn Jahre eine greifbare Realität, die zwischen London und Paris auch politisch zu Buche schlagen wird.