• „Handzeichnungen Alter Meister“ (Bremen, Kunsthalle): Die rund 220 Blätter vom 15. bis zum 18. Jahrhundert kommen aus einer Schweizer Privatsammlung und werden in Bremen, wo Günter Busch die Hohe Schule der Zeichnung in regelmäßigen Ausstellungen zelebriert, zum erstenmal öffentlich dargeboten (bis zum 21. Mai, ab Mitte Oktober sind sie im Kunsthaus Zürich zu sehen). Die Sammlung ist in den letzten zehn Jahren entstanden. Für einen entschlossenen, urteilsfähigen oder gutberatenen Sammler waren die Chancen trotz Marktverengung und steigender Preise nirgends so günstig wie auf dem Gebiet der Zeichnung. Der Schweizer Sammler konnte van Dyck und Jordaens, Cambiaso, Watteau, Tiepolo und Füßli erwerben, sogar Elsheimer (die Zuschreibung des als Goudt gekauften Blattes wurde von Möhle akzeptiert), und er konnte vor allem unter den weniger prominenten Künstlern des 17. und 18. Jahrhunderts wundervolle Blätter an Land ziehen. Im Katalog sind alle Zeichnungen reproduziert, die Autorschaft ist in vielen Fällen noch ungesichert.

  • „Chang Dai-Chien“ (Mannheim, Reiss-Museum): Ein chinesischer Picasso? Chang Dai-Chien gilt bei Fernostexperten als der bedeutendste Repräsentant der modernen chinesischen Malerei. Wenn man das unterstellt, dann hat in China eine Revolution nicht stattgefunden, keine politische und keine künstlerische. Der politischen hat Chang Dai-Chien sich entzogen, er lebt seit 1952 in Brasilien, seine Bilder rekapitulieren Impressionen der alten Heimat, die Landschaft von Szechwan, alias Sezuan, die Flüsse und Berge, nicht die guten und schlechten Menschen von Sezuan.

Regen über dem Fluß, Alte Hütte auf Felsenplatte, Lotus unter Mondschein, die Themen sind durch die Jahrhunderte konstant, der Spielraum, sie zeitgemäß zu modifizieren, ist gering. Wenn der westliche Betrachter die dunkel getuschten Partien, die sich auf der Bildfläche zentrieren und zerfasern, als informelle Malerei versteht, dann übersieht er, daß es auch hier um die subtile Wiedergabe von Naturphänomenen geht. Der chinesische Maler hat sein Land, aber nicht die Tradition verlassen. Er ist kein Picasso, kein Kunstrevolutionär, vielmehr ein Konservativer, den westliche Einflüsse und politische Veränderungen nicht tangieren. (Bis Ende Mai) „Warrington Colescott“ (Düsseldorf, Galerie de May): Wenn renommierte ausländische Galerien in Deutschland Filialen aufmachen, kann das (siehe die Galleria del Levante in der Münchner Stuckvilla) nur zur Belebung des innerdeutschen Marktes beitragen. Die in Lausanne beheimatete Galerie de May hat in der Düsseldorfer Altstadt in der Hunsrückenstraße dicht bei der neuen Kunsthalle Quartier bezogen. Internationale Graphik, darunter die bekannten Ausgaben der Edition „Soleil noir“, soll dem deutschen Publikum geboten werden.

Den Anfang macht Warrington Colescott, ein für Deutschland neuer Name, ein amerikanischer Graphiker, der nicht ganz das Format hat, der Galerie zu einem durchschlagenden Premierenerfolg zu verhelfen. Szenen aus dem amerikanischen Alltag werden satirisch angeleuchtet und zu kritischen Bilderbögen über „The Great Society“ kombiniert. Der graphische Reiz liegt zuweilen in der Inkongruenz zwischen der sensitiven Zeichnung und der robusten Thematik, etwa in der Serie über John Dillinger, Amerikas „black hero“. (Bis 20. Mai) „Jim Dine“ (Kassel, Galerie Ricke): Die Galerie gehört zu den 18 Progressiven im Lande, hat sich auf Pop spezialisiert und sorgt dafür, daß in Kassel auch in den documentalosen Zeiten die aktuelle Kunst eine Bleibe hat. Ihre Jim-Dine-Schau (bis zum 19. Mai) wurde von Professor von Buttlar eröffnet und erhielt durch widrige Umstände den Rang einer europäischen Premiere: Sie wurde in London vor der Eröffnung von der Polizei beschlagnahmt. Mir erscheinen die inkriminierten Blätter der sogenannten London-Serie nicht moralisch anstößig, mich ärgert die künstlerische Armseligkeit dieser phallischen Etüden. Prächtig dagegen sind die London-Trip-Collagen, mit Hilfe von Packpapier, Schnur und zerfetzten Straßenbildern registriert ein Pop-Artist seine Impressionen. Ein paar Collagen haben Dine und Paolozzi gemeinsam hergestellt, von Paolozzi stammen die geometrisch ornamentalen Partien, Dine hat die sinnlichen Details beigesteuert, die Zusammenarbeit funktioniert störungsfrei, ihre Resultate werden Pop- und Raritäten-Sammler alarmieren. Gottfried Sello