Von Jürgen Claus

Paris, am 21. Dezember 1734: Der rasende Reporter der Lichtkunst notiert eine Vorführung des „Clavessin Oculaire“ (Augen-Cembalo). Das ist ein umgebautes Cembalo, mit einer Klaviatur von fünf Oktaven und einem schwarzen Schirm an der Rückseite. Wenn man die Tasten drückte, erschienen auf ihm farbige Streifen oder Bänder, sie waren durchsichtig, und wahrscheinlich stellte der originelle Konstrukteur dieser Lichtmaschine, der jesuitische Philosoph und Mathematiker L. B. Castel, hinter ihnen Lichtquellen auf. Die erste Oktave, dies zum Mechanismus des Geschehens, bestand aus fünf Farben, bei der zweiten waren sie einen Grad heller, und so fort. Die Vorstellungen des verehrten Erfinders waren über ein Jahrzehnt zuvor im Druck erschienen (1720), mit dem programmatischen Titel „La Musique en Couleurs“. Mitte des 19. Jahrhunderts folgten dann die technisch präziseren Maschinen von D. D. Jameson und, Ende des Jahrhunderts, von A. W. Rimington, Professor der Schönen Künste am Londoner Queen’s College.

Dieser Entwicklung von Licht-Tastaturen gesellte sich, seit dem Beginn unseres Jahrhunderts, deren bühnenmäßiger Gebrauch bei: Scrjabin benutzt in seinem „Prometheus, Gedicht vom Feuer“ (erstaufgeführt in Moskau, 1911) eine Licht-Klaviatur; E. G. Craig will mit Hilfe von Licht und Bewegung auf der Bühne zu einer „neuen Kunst“ kommen; Adolphe Appia bringt 1889 zum ersten Male elektrisches Licht auf die Bühne, das Licht selbst wird zum Gestaltträger.

Licht, Bewegung, Farbe: neben dem musikanalogen und dem bühnenmäßigen Gebrauch dieser drei Elemente bedient sich der Künstler ihrer im Medium des Films. Durch die Folge abstrakter oder gegenständlicher Vorlagen wurde Rhythmus (als Zeit-Modulation) unmittelbar sichtbar gemacht, zu Anfang der zwanziger Jahre folgen oder überschneiden sich die Arbeiten der Eggeling, Richter, Ruttmann, Chomette und anderer.

Kündigt man für das Jahr 1967 eine Ausstellung „Licht, Bewegung, Farbe“ als ein Fazit dieser Kunst an, so kommt man kaum umhin, auf diese drei genannten Entwicklungsstufen hinzuweisen, und sei es auch nur durch Dokumentation. Greift die Ausstellung überdies historische Beispiele auf (ein Bildchen von Signac und Macke, daneben einiges von Klee), so wird man diese Auswahl daran messen müssen, wie sehr es ihr gelingt, die Thesen anschaulich zu machen.

Dietrich Mahlow, der Leiter der Kunsthalle Nürnberg, wollte mit. dieser Ausstellung den Fragen nachgehen: „Wie erscheint Farbe an sich selbst? Wie kann Licht gestaltet werden?“ Das Risiko solcher didaktisch-thematischen Ausstellungen ist zum einen, daß das einzelne Bild, die Plastik zum Beleg- oder auch Demonstrationsobjekt genommen wird; zum anderen, daß die ausgewählten Werke, wenn sie nicht konsequent der Information dienen, beliebig austauschbar werden. Das Thema (die These) ist dann ein Vorwand, um Bilder und Plastiken wie in einem Miniaturmuseum gesammelt auszustellen.

In Nürnberg ist ein kleinstädtisches Miniaturmuseum errichtet worden. Mit Schwerpunkten, die der These der Ausstellung nicht nur nicht dienen, sondern ihr widersprechen, sie widerrufen.