Bonn‚ im Mai

Englands Ansuchen um Aufnahme in die EWG werden in Bonn jetzt merklich günstigere Prognosen gestellt als noch vor einigen Wochen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß Präsident de Gaulle nicht mehr auf seinem unnachgiebigen Widerstand beharrt. Noch kürzlich verlangte er, dieses Thema auf der römischen Gipfelkonferenz nicht zu erörtern. Jetzt erhebt er keine grundsätzlichen Einwände mehr; freilich ist damit noch nichts über die Verhandlungsprozedur ausgesagt, die sich sehr lange hinziehen kann. Aber mit einem Nein des französischen Präsidenten – wie noch vor vier Jahren – ist heute nicht mehr zu rechnen.

Man muß sich das Gespräch de Gaulles mit dem damaligen britischen Premierminister Macmillan auf Schloß Rambouillet gegen Ende des Jahres 1962 ins Gedächtnis zurückrufen. Damals entschloß sich der französische Präsident zu seinem schroffen Nein, das er wenige Wochen später in einer Pressekonferenz aussprach. De Gaulle hatte Macmillan eine Einbeziehung Englands in die europäische Gemeinschaft vorgeschlagen, auch auf militärischem Gebiet. Die Insel, hätte ihre nukleare Macht in die vergrößerte Gemeinschaft einbringen sollen, um somit ihre Bindungen an die Vereinigten Staaten sichtbar aufzugeben. Macmillan jedoch schloß, kaum aus Rambouillet abgereist, mit Präsident Kennedy das Abkommen von Nassau, das von de Gaulle als Beweis für die Richtigkeit seiner These angesehen wurde, Großbritannien verharre in seiner "atlantischen" Orientierung und wolle niemals eine "europäische" Macht werden.

Heute scheint sich dies geändert zu haben. Es gibt Äußerungen aus London, die darauf deuten, daß sich Großbritannien auch politisch enger an den Kontinent binden will. Auch auf technologischem Gebiet möchte Großbritannien einen wichtigen Beitrag leisten. Kurz: England ist als politischer und wirtschaftlicher Faktor bei der Etablierung einer großen europäischen Staatengemeinschaft, die zwischen Ost und West eine selbständige Rolle spielen kann, unerläßlich.

Paris wird sich mit bloßen Beteuerungen nicht begnügen, und wird Beweise fordern. Die britische Regierung scheint dazu bereit zu sein. Sie hat sich offensichtlich entschlossen, das Spiel mitzumachen: Sie will – dies ist der Eindruck in Bonn – die römischen Verträge akzeptieren.

Robert Strobel