Von Dieter E. Zimmer

In seinem Tagebuch vermerkte Witold Gombrowicz während der entbehrungsvollen Exiljahre in Argentinien einmal: „Ich knirsche mit den Zähnen, wenn ich sehe, wie Personen aus Industrie und Handel sich zur Ausschmückung ihres Arbeitszimmers Bibliotheken leisten, während ich keinen Zutritt zu Werken habe, die mir auf eine etwas andere Weise unentbehrlich sind... Der grenzenlose Idiotismus der Gesellschaftsordnung, der vor (dem Künstler) die Türen der Theater, der Konzertsäle, der Buchhandlungen zuschlägt, die sich vor snobistischem Gelde weit öffnen, wird sich einmal an euch rächen.“ Und an einer anderen Stelle fragt er sich: „Wie würde mein Schaffen aussehen, wenn es vom ersten Augenblicke an mit dem Lorbeerkranz geschmückt worden wäre, wenn ich mich heute, nach so vielen Jahren, ihm nicht widmen müßte wie etwas Unerlaubtem, Beschämendem und Ungeeignetem?“

jetzt, mit dreiundsechzig Jahren und aus Argentinien, wenn auch nicht nach Polen, so doch nach Vence in Südfrankreich zurückgekehrt, hat er den Lorbeerkranz und das Geld dazu. In der vorigen Woche erhielt er im tunesischen Gammarth den Internationalen Literaturpreis. Nach Beckett, Borges, Johnson, Gadda, Nathalie Sarraute und Bellow ist er sein siebenter Träger.

Es ist eine Liste, auf die stolz zu sein die anfangs sechs, inzwischen dreizehn Verleger aus ebenso vielen Ländern, die ihn auf dem Cap Formentor, ins Leben riefen, um wettzumachen, was der Nobelpreis an den zeitgenössischen Romanschriftstellern versäumt, einigen, Grund haben – um so mehr, als sie in den meisten Fällen selber nichts als diesen möglichen Stolz von ihrer Erfindung haben. Denn es trifft sich selten, daß sie das preisgekrönte Werk auch selber verlegen. Der deutsche Mitbegründer und Mitfinancier zum Beispiel, der Rowohlt Verlag, hat keinen einzigen Preisträger in seinem Programm.

Sonst ernten sie wenig Dank; Im Gegenteil. Eine große englische Zeitung, die vor. einigen Monaten anmerkte, es sei dies einer der anrüchigsten Literaturpreise, die zur Zeit überhaupt verliehen werden, stand, mit dieser Meinung wahrscheinlich nicht allein da. Das haben die Verleger davon, daß sie den Preisträger unter den Augen der Öffentlichkeit suchen lassen – und daß sich Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen nichts entgehen ließen: nicht das nationale Kalkül, das bei den Entscheidungen zuweilen mitspielte, nicht die Kenntnislosigkeit des einen oder anderen Jurors, nicht die Mängel der Prozedur, nicht den paradoxen Luxus, in dem sich die Konferenzen der Jurys manchmal zutrugen. Was bei anderen Preisen gnädig und sorgfältig verheimlicht wird, lag hier immer zutage; aber diese Offenheit schadete dem Prestige des Preises nur.

Es hatte denn auch den Anschein, daß den Verlegern die Lust vergangen wäre, als die Veranstaltung im letzten Jahr ausblieb. Dann aber einigten sie sich doch noch einmal, und so landeten Ende April die dreizehn Verleger samt ihrem Hofstaat und zwanzig Juroren – Kritikern, Literaturprofessoren, Autoren – (der einundzwanzigste, Hans Mayer, entschloß sich im letzten Augenblick fernzubleiben, mit dem Ergebnis, daß die deutsche Jury wieder einmal die unvollständigste war) am Rand der Dritten Welt, auf dem Flugplatz von Tunis-Karthago, ließen, Einreiseformalitäten über sich ergehen, die an ein östliches mehr als an ein südliches Land gemahnten, und bestiegen winzige rotweiße Taxis, um sich zu dreitägigen Debatten in eine europäische Bungalow-Hotelinsel inmitten einer mit Fleiß enteuropäisierten maghrebinischen Welt chauffieren zu lassen – und sich wieder einmal, und ich fürchte: gründlicher als je, einer unfreundlichen Presse auszusetzen.

Denn die Veranstaltung war noch nie entfernt so farcenhaft wie dieses Mal, obwohl doch an den Statuten des Preises manches geändert worden war, was gerade die Fragwürdigkeiten der Prozedur mildern sollte.