Seit voriger Woche droht der volkreichste Staat Afrikas, die einst als Musterland gepriesene Föderation Nigeria, vollends auseinanderzufallen: Während sich die Ostregion bereits Ende März faktisch von der Zentrale in Lagos gelöst hat, zeigt jetzt auch die Westregion zunehmend Eigensinn.

Ihr Chef, Oberstleutnant Robert Adebajo, erklärte der Zentralregierung unter Oberstleutnant Yakubu Gowon, er werde die nigerianische Verfassungskonferenz solange boykottieren, bis die Nordregion auch ihren letzten Soldaten aus dem Westen und aus der Bundeshauptstadt Lagos abgezogen habe.

Mitte April hatten die Militärführer der einzelnen Landesteile vereinbart, diese Konferenz für den 5. Mai einzuberufen, um der Föderation neues Leben einzuhauchen. Sogleich erhob Oberstleutnant Odumegwu-Ojukwu, Chef der Ostregion, den Anspruch, die einzelnen Landesteile müßten auf dem Treffen als „souveräne Einheiten“ anerkannt werden. Wie Adebajo klagte auch er, die Westregion und Lagos seien von Truppen aus dem Norden praktisch besetzt.

Die Klagen des Westens und des Ostens beweisen, wie schwer es Nigeria fällt, die Stammesrivalitäten des Landes auszubalancieren. Seit sich im letzten Jahr die muslimischen Haussa im Norden zu blutigen Massakern unter dem Volk der Ibos hinreißen ließen, ist das Vertrauen unter den Regionen zerstört.

Nachdem die Verfassungskonferenz nun vorerst „geplatzt“ ist – scheint in dieser Atmosphäre des Mißtrauens nur noch eine Vermittlungsaktion von außen die Föderation retten zu können. Nach der Überzeugung fast aller Beteiligten müßte eine neue Verfassung den einzelnen Landesteilen freilich mehr Spielraum lassen als bisher.