Lahr/Baden

Seitdem sich in einem Trakt des Rathauses von Lahr der kanadische Wohnungsoffizier etabliert hat, gibt es dort Gedränge. „Manchmal sind die Schlangen dort so lang, daß man meinen könnte, es gebe Arbeitslosenunterstützung“, lästert Philipp Brucker, der Oberbürgermeister des Schwarzwaldstädtchens. Die Schlangestehen sind Hausbesitzer, die ihre Appartements an kanadische Fliegersoldaten vermieten wollen. Sie sind gekommen, um in der Dollarwoge mitzuschwimmen, die unverhofft in das Schwarzwaldstädtchen gespült worden ist.

Seit kurzem nämlich ist die Stadt in Mittelbaden offiziell Sitz des Hauptquartiers der kanadischen Luftstreitkräfte in Europa und Standort eines Düsenjägergeschwaders geworden. Bis Oktober müssen die Kanadier ihre Basis im französischen Metz auf de Gaulles Order geräumt haben. Bis dahin sind dann auch die französischen Mirage-Piloten, bislang die Hausherren auf der NATO-Basis in Lahr-Dinglingen, wieder auf ihre heimatlichen Flughäfen zurückgeflogen.

Inzwischen sind schon die ersten Kanadier in die Schwarzwaldidylle eingezogen. Sie versuchen die besten Wohnungen zu ergattern. Und da zeigen sich bereits die ersten Auswüchse geschäftstüchtiger Schwarzwälder. Grollt ihr Stadtoberhaupt: „Da wird manchmal für eine Drei-Zimmer-Wohnung 600 Mark verlangt.“ Der kanadische Wohnungsoffizier indessen gibt sich gelassen: „Mietwucherer kommen bei uns auf die schwarze Liste.“

Der Anmarsch von insgesamt 10 000 Kanadiern ist für die 25 000 Lahrer eine Lebensnotwendigkeit. Denn man ist auf Militär eingestellt, seitdem ihr kleiner Sportflugplatz sich in eine Düsenjägerbasis verwandelt hat.

Ganz Lahr wartet auf die NATO-Soldaten. Jeder vierte Bewohner wird dann aus Übersee stammen. Pläne werden geschmiedet. Findige Manager wollen das spärliche Nachtleben, mit einem Hauch der großen Welt umgeben. Die ersten Anträge auf Bar-Konzessionen flatterten ins Rathaus. Schließlich sollen die Boys aus Toronto oder Vancouver mit badischen Striptease-Darbietungen ergötzt werden. In der Ortspresse bieten findige Einwohner Kellerräume an, die „zum Umbau als Bar geeignet sind“. Und schon wurden die ersten Gunstgewerblerinnen registriert, die in Lahr ein fündiges Terrain wittern.

Auch die Kaufleute von Lahr erhoffen sich Wunder. Die kanadischen Hausfrauen, so frohlocken sie, haben dickere Geldbörsen als ihre französischen Vorgängerinnen. Die Einzelhändler besorgten sich Gehaltslisten der Kanadier. Zufrieden stellten sie dabei fest, daß bereits der einfache Fliegersoldat monatlich umgerechnet 1400 Mark Sold empfängt.