Unser Kritiker sah:

EMPFINDLICHES GLEICHGEWICHT

Stück von Edward Albee Münchner Kammerspiele Wiener Burgtheater im Akademietheater

Mit seinem jüngsten Dreiakter „A Delicate Balance“ (dem neunten Bühnenstück innerhalb von neun Jahren) knüpft Edward Albee an seinen Durchbruchserfolg „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ an.

Wieder stehen zwei Ehepaare im Mittelpunkt. Da sind zunächst Agnes und Tobias, die älteren, deren Wohlstand durch keine materiellen Sorgen getrübt werden kann; aber ihr Seelenleben ist bedroht, Agnes verrät bereits in ihrem Einleitungsmonolog, daß sie wahnsinnig werden könnte. Doch anstatt die Taue zur Wirklichkeit zu lösen oder in Bewußtseinsspaltung dahinzutreiben, spielt sie tapfer die Rolle des „Feldwebels“: Durch die Verteidigung von Konventionen will sie die zerbrochene Familie einigermaßen in Form halten.

Dieses mühsam behauptete Gleichgewicht wird empfindlich gestört, als Edna und Harry, ein befreundetes Ehepaar, auftauchen und sich bei ihren besten Freunden einnisten wollen. Die beiden Eindringlinge waren plötzlich von der Angst, dem Grauen des Alleinseins und der inneren Leere, gepackt worden, als sie einen Abend nicht im Klub, sondern zu Hause verbrachten.

Mit ihrem Appell an die Freundschaft haben sie die Pest zu Agnes und Tobias gebracht. Jetzt genügt es nicht mehr, daß Agnes als Kommandant auftritt, jetzt muß auch Tobias, der Mann, der sich resigniert in innere Isolation flüchtete, Farbe bekennen, Stellung nehmen. In einem großen Ausbruch bittet er die Freunde zu bleiben, kündigt ihnen aber zugleich die Freundschaft und ist beglückt, als sie gehen.