Von Theo Sommer

Taipei, im April

Bis zur nächsten Insel sind es genau 2310 Meter. Durch das Scherenfernrohr ist ein Dorf auszumachen. Üppiges Grün rahmt es ein. Die Häuser drüben ähneln den Häusern hüben: aus Ziegelsteinen gebaut, die Dachfirste eigenartig geschweift. Ein paar Leute arbeiten am Strand. In der Lagune hinter der Insel kreuzen drei Dschunken. Ihre Bambussegel heben sich dunkel vom Küstengebirge ab, das im Dunst des Festlandes verschwimmt.

Aber plötzlich wummert irgendwo eine Kanone, einmal, zweimal, dreimal. Dann bricht drüben ein höllischer Lärm los. Denn ein Lautsprecher macht Propaganda. "Der Ostwind siegt über den Westwind", so tönt ein kommunistischer Hymnus über das Wasser. Danach meldet sich eine Frauenstimme, spitz und durchdringend, anklägerische Schärfe in dem chinesischen Singsang: "Ihr seid Lakaien des amerikanischen Monopolkapitalismus und Imperialismus!" Zehn Minuten lang speit der Lautsprecher wattstarke Propaganda, dann wieder eine volksdemokratische Hurra-Symphonie. Dann Stille. Vor mir scheppert der Wind im Stacheldrahtverhau.

Die Insel drüben heißt Tschia Ju und ist rotchinesisch; die Insel hüben heißt Kinmen auf Mandarin und gehört den Nationalchinesen. Die Welt kennt sie besser unter dem Namen, den sie im Dialekt der Provinz Fukier trägt: Quemoy.

Vor neun Jahren wurde Quemoy zuweilen in einem Atemzug mit Berlin genannt, und einige Krisenmonate lang sah es tatsächlich so aus, als werde hier der dritte Weltkrieg ausbrechen. Vom 23. August bis zum 6. Okotober 1958 feuerte die kommunistische Artillerie 474 900 Schuß auf das Eiland; an zwei Tagen im Juni 1960, als Präsident Eisenhower Taiwan besuchte, noch einmal 174 750; insgesamt bisher über eine Million Schuß. Mittlerweile ist längst wieder Ruhe eingekehrt, relative Ruhe jedenfalls. Es wird – welch ausgesprochen orientalische Finesse! – nur noch an ungeraden Tagen geschossen, und die 70 oder 80 Granaten, die dann fahrplanmäßig meist im gleichen Aufschlagbereich ankommen, sind fast durchweg mit Propaganda-Flugblättern gefüllt. Die Festung Kinmen hat kaum Schaden genommen – umgekehrt aber blieben wohl auch die achthundert Artilleriestellungen an der Festlandsküste unversehrt. Die feindlichen gelben Brüder haben sich im "Patt" eingerichtet.

Noch immer beeindruckt Quemoy als eine militärische Bastion, die ihresgleichen seit Verdun nicht gehabt hat. Rund 90 000 Mann sollen hier postiert sein. Die ganze Insel – 18 Kilometer lang, 3,5 Kilometer breit an der schmälsten Stelle – ist ein einziges System von ausbetonierten Maulwurfsgängen, Stollen, Kasematten, Unterständen, ein Gewirr von Laufgräben, Stacheldrahtverhauen und spanischen Reitern. In den 300 Meter hohen Berg Pei Tai-Wu Shan, einen Klotz aus massivem Granit, ist ein Tunnel von fünfeinhalb Kilometer Länge gesprengt worden; dort befinden sich die Munitionsbunker, die Befehlsstände, viele der Mannschaftsunterkünfte. Ein riesiges Auditorium (60 Meter lang, 18 Meter breit, 14 Meter hoch) bietet 1200 Menschen Platz; im Frieden gibt es dort täglich drei Kinovorstellungen, im Kriege würde diese Atlas Hall in ein Hospital verwandelt.