Will man den Klagen der hellenischen Putsch-Obristen glauben, dann grenzt es schon fast an ein Wunder, daß es Griechenland überhaupt noch gibt. Und will man ihren Versprechungen trauen, dann sind sie die einzigen, die das Land vor dem drohenden Chaos retten können. So hieß es in der ersten Botschaft der Athener Militärregierung: "Der bedenkenlose und erbärmliche Tauschhandel zwischen den Parteien, die Unverschämtheit eines großen Teils der Presse, die methodischen Angriffe gegen alle Grundlagen des Staates, deren Unter-

höhlung, die Entwürdigung des Parlamentarismus, die Verleumdung aller gegen alle, die Lähmung der Staatsmaschinerie, das völlige Fehlen des Verständnisses für die brennenden Probleme unserer Jugend, der Mißbrauch unserer Studenten und Schüler, der moralische Niedergang, die Verwirrung aller Begriffe, die heimliche und offene Zusammenarbeit mit den Umstürzlern und schließlich die ständigen mordbrennerischen Angriffe gewissenloser Demagogen zerstörten den Frieden des Landes, verbreiteten ein Klima von Anarchie und Chaos, schufen eine Atmosphäre des Hasses und der Entzweiung und führten uns an den Abgrund der nationalen Katastrophe."

Fürwahr – in diesem griechischen Katalog der Untugenden fehlt auch nicht eine einzige Sünde. Und wie wollen es die Umstürzler nun besser machen? Eine neue Verfassung soll geschaffen, die Währung stabilisiert, ausländische Investitionsfirmen angelockt, die öffentliche Moral gehoben, das Einkommen gesteigert, die Renten erhöht, die Lehrmittelfreiheit eingeführt werden. Griechenland soll, so prophezeien es die Rebellen, ein Paradies auf Erden werden. All dies sind vertraute Klänge für die Ohren von Diktatur-Erfahrenen: Was war, war schlecht, was kommt, ist wunderbar. So ist schon oft die Freiheit zuschanden gemacht worden – mit der Drohung vor der Hölle und mit der Verheißung späteren Glücks.

Dabei stimmte, im Fall Griechenland, nicht einmal die Geschichte mit der kommunistischen Gefahr, die von den Obersten an die Wand gemalt wurde. Weder Georgios Papandreou, der 1944 einen Aufstand der Kommunisten niederschlug, noch sein Sohn Andreas, der zum Weißen Haus in Washington enge Kontakte pflegt, können im Ernst verdächtigt werden, einen linksradikalen Staatsstreich geplant zu haben. Sie wollten die Wahlen vom 28. Mai für ihre Zentrumsunion gewinnen, mehr nicht. Aber das, gerade das paßte den Putschoffizieren nicht. Unter dem Vorwand, die Demokratie zu schützen, haben sie die Demokratie demontiert.

Nirgendwo regt sich dieser Tage in Griechenland nennenswerter Widerstand gegen das diktatorische Regiment. Der Belagerungszustand bescherte dem Land die Ruhe eines Friedhofs. Nur eine Frau war es, die es wagte, sich der Militärjunta zu widersetzen – die Athener Zeitungsverlegerin Helen Vlachou. Sie, die ihre Blätter nicht mehr erscheinen ließ, weil sie keine zensierten Offiziersbulletins veröffentlichen wollte, erklärte: "Ich wünsche der Junta Glück. Aber sie kann nicht meine Zeitungen drucken, so wie ich nicht ihre Panzer fahren kann."

Dietrich Strothmann