Vermögen sind leichter zu bilden als zu bewahren – ein Satz, vielfach ungläubig belächelt, aber dennoch wahr. Selbst Leute, die die Verwaltung ihrer Ersparnisse nicht auf die leichte Schulter nehmen, werden immer wieder feststellen müssen, daß es nicht einfach ist, den Wert ihrer zurückgelegten Gelder zu erhalten oder gar zu mehren. Dank der relativ hohen Zinssätze in diesem Land war es in den zurückliegenden Jahren wenigstens möglich, mit Hilfe der Zinsen die jährliche Geldentwertung auszugleichen, von einer eigentlichen „Mehrung“ konnte bei schlichten Sparguthaben jedoch kaum die Rede sein. Und wer sein Vermögen in Wertpapieren angelegt hat, mußte seit 1960 in der Regel sogar Verluste hinnehmen.

Geldwertstabilität ist nicht mehr oberstes Ziel unserer Wirtschafts- und Währungspolitik. Das war es vorübergehend während der letzten Phase der Erhardschen Regierungskunst, Inzwischen wissen wir, daß es populärer ist, „Wachstum“ zu haben. Die Mehrheit der Wähler ist eben nur im „Nebenberuf“ Sparer, sie ist in erster Linie an höheren Löhnen, Einkommen und Renten interessiert; es stört sie nur am Rande, wenn ihnen der Nutzen höherer Verdienste durch eine laufende Geldentwertung geschmälert wird. Man macht sich eben gern etwas vor...

Tatsächlich, meine verehrten Leser, kann keine Regierung es sich zu jeder Zeit leisten, den Schutz der Ersparnisse seiner Bürger zum obersten Ziel ihrer Politik zu machen. Wenn Heinz Brestel, Börsen- und Finanzredakteur in der Wirtschaftsredaktion in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in seinem Buch „Weh dem der spart!“ (Verlag Dr. Max Gehlen, Bad Homburg, 191 Seiten, broschiert 9,80 Mark) den Regierungen der Bundesrepublik vorrechnet, wo sie zum Schaden der Geldwertbesitzer gehandelt haben, so vergißt er, daß in der Aufbauphase unseres Staates eben andere Probleme als die private Sparkapitalbildung im Vordergrund stehen mußten. Nach der Währungsreform waren zunächst Arbeitsplätze zu schaffen – und wir wissen heute sehr genau –, daß Unternehmer nur dann zu Investitionen veranlaßt werden können, wenn sie sich ausreichende Gewinnmargen errechnen können.

Brestels Klagen, daß kurz nach der Währungsreform die Gewinnmargen in der Regel zwei- bis dreimal so hoch wie heute waren, mögen aus heutiger Sicht berechtigt sein, damals garantierten sie uns jedoch den raschen Wiederaufbau. Brestel ist anderer Meinung: „Richtig wäre es gewesen, Spargelder von Anfang an sehr hoch zu verzinsen, vielleicht mit sechs Prozent. Dann wäre von Anfang an ein zusätzlicher hoher Anreiz zum Sparen und ein weniger großer Anreiz zum Konsumieren geboten worden. Umgekehrt hätten die Kreditnehmer höhere Preise für die knappe Ware Geld bezahlen müssen, und sie wären wahrscheinlich – mangels Nachfrage – zu schärferem Kalkulieren ihrer Waren veranlaßt worden.“

Sicherlich war die unterschiedliche Behandlung zwischen Sach- und Geldwertbesitzer nach der Währungsreform ungerecht, aber sie stellt meiner Ansicht nach eine noch verzeihliche Sünde dar. Nicht zu entschuldigen, und da bin ich mit Brestel einer Meinung, ist die unwillige „Wiedergutmachung“ der Enteignung von Geldwertbesitz. Erinnern wir uns, meine verehrten Leser, erst 1957 wurden die alten Reichs- und Preußenanleihen, die Bahn- und die Postanleihen und andere öffentliche Vorkriegsemissionen nach vorausgegangenen harten Kämpfen 10:1 aufgewertet. „Die Regierung hat nie freudig ja zur Abfindung alter Gläubiger gesagt. Sie hat eher widerspenstig gezahlt und ‚gefeilscht‘, wo immer sie konnte. Das hat den neuen öffentlichen Kredit in den Augen der Sparer nicht gerade gestärkt“, meint Brestel.

Tatsächlich muß man sich doch fragen, ob es nicht eines Tages eine Situation geben kann, in der die dann „herrschende“ Regierung sich ebenso widerwillig jener Schulden erinnert, die von ihren Vorgängern so großzügig gemacht worden sind? Brestel weist gerade zur rechten Zeit auf einen Kommentar zum Grundgesetz hin, in dem Professor Friedrich Giese den Artikel 14 erläutert, der das Eigentum und das Erbrecht gewährt: „Das Grundrecht am Eigentum begründet für den Eigentümer auch eine Grundpflicht: Der Genuß des Eigentümers ist sozial gebunden.“ Dazu fragt Brestel: „Wie man Eigentum wohl sozial gebunden genießen soll?“

Aber letzten Endes kommt der Verfasser von „Weh dem der spart!“ doch zu dem Schluß, daß der einzelne durchaus nicht hilflos dem währungspolitischen Schicksal ausgeliefert ist. Er rät allen Sparern, nüchtern an ihre eigenen Vorteile zu denken und ab und zu das Gegenteil von dem zu tun, was amtlich angeraten wird. Brestel sieht keine Gefahr einer unmittelbar bevorstehenden „großen Inflation“, er fordert seine Leser aber auf, sich auf den mit Sicherheit zu erwartenden Geldwertschwund einzustellen.