Bonn

Mit sichtbarem Bemühen studierten die graumelierten Herren von der politischen Polizei, in der Mensa der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn ein Pekinger Patent. Es ist die jüngst eingeführte Wandzeitung des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA). Durch Demonstrationspläne gegen das griechische Militärregime, durch Solidaritätstelegramme und durch den angehefteten Schriftverkehr mit der „finassierenden Universitätsbürokratie“ demonstriert die Wandbrett-Agitation den Sprung nach vorn, den Bonns von links inspirierte Studentenvertretung in nicht einmal zwei Monaten Amtszeit getan hat.

Freilich: Die mit Mao- und Mark-Twain-Zitaten belegte Entschlossenheit zu revolutionierender Praxis gegen „feudalistische Universitätsstrukturen hätte kaum zu solcher „Eskalation ohne Ende“ geführt, wäre ihr nicht von der Universitätsleitung durchgreifende Förderung zuteil geworden. Hörsaalverbote und ein AStA-Antrag auf eine einstweilige Verfügung gegen dieses Verbot; eine rigorose Entscheidung des Senats, das Studentenparlament und AStA kein Recht hätten, „die Studierenden in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger zu vertreten und Akte der Willensbildung in allgemeinen politischen Fragen zu vollziehen“, und der dieser Entscheidung sofort folgende AStA-Rücktritt: Die rheinische Universität ging in vergangener Woche auf Berliner Kurs. Den Lotsen hatte der AStA bereits an Bord: Zu den hochbrandenden Emotionen der nächtlichen Studentenversammlung nach dem Senatsentscheid steuerte ein Kommilitone von der Freien Universität Berliner Erfahrungen und Mahnungen zum Widerstand bei.

Der Eisberg, auf den die Dinge zutrieben, war am 19. April sichtbar geworden, als Bonns Rektor – wie in Berlin im Falle Kuby – für einen Vortrag von Professor Klara-Marie Faßbinder die Räumlichkeiten der Universität nicht zur Verfügung stellte. Frau Faßbinder, in deren stilles Bücher- und Broschüren-Zimmer in Bonn- Duisdorfs Gartenstraße nach der Ordensverweigerung durch den Bundespräsidenten spontane Einladungen durch Jungakademiker von Hannover bis Tübingen kamen, war auch vom Bonner AStA Ende März zum Einführungsvortrag einer Veranstaltungsreihe mit DDR-Wissenschaftlern gebeten worden. Termin: 8. Mai, der Tag der Kapitulation.

Da Heinrich Lübke Ehrensenator der Bonner Universität ist, kapitulierte auch der Akademische Senat – und zwar ohne eine Intervention des Bundespräsidialamtes, wie fälschlich gemeldet. Frau Faßbinder – die fast auf den Tag genau vor einem halben Jahrhundert an der Bonner Universität mit summa cum laude das beste Staatsexamen seit Jahren ablegte – sei wohl nicht die geeignete Persönlichkeit, so meinten einige Mitglieder des Senats, um eine solche Veranstaltungsreihe einzuleiten: „Es gibt doch bessere Experten für gesamtdeutsche Fragen, zum Beispiel in den Ministerien.“

Geschickter konnte Rektor Gassner seine Entscheidung begründen. Noch vor der Einladung an Frau Faßbinder habe er dem AStA-Chef Bernhelm Booß („die AStA-Arbeit führt automatisch zu einer linken Position“) vertraulich mitgeteilt, daß Bemühungen liefen, Lübke zu einer Revision der Ordensentscheidung zu bewegen. Die vertrauliche Mitteilung war eine vorbeugende Maßnahme, denn schon Mitte Februar hatte das Studentenparlament einen allerdings gleich wieder revidierten Beschluß gefaßt, an keiner Veranstaltung mit dem Bundespräsidenten mehr teilzunehmen. „Durch die Einladung zu einer ‚Sympathie-Kundgebung‘ mit Frau Professor Faßbinder so schrieb Magnifizenz nun den Studentenvertretern, „sind Sie denjenigen, die bereit waren, sich für eine Lösung des Konfliktes einzusetzen, in den Rücken gefallen.“ Er müsse wohl annehmen, „daß hier von interessierter Seite nun versucht wird, gegen den Bundespräsidenten und Ehrenbürger unserer Universität weiter Stimmung zu machen.“ Indessen: Rektor Gassner schrieb diesen Brief erst am 19. April, am 31. März war Frau Faßbinder vom AStA eingeladen worden – doch schon am 27. Februar hatte Bundespräsident Lübke gegenüber dem Bonner Professor Hans Braun wenig Zweifel daran gelassen, daß ihn die Bonner Revisionsbemühungen nicht von seiner Ordensverweigerung abbringen würden.

Frau Professor Faßbinder freilich, um deren Interessen es ja gehen sollte, entschied sich auch nach zwei Unterredungen mit Professor Gassner nicht für eine Verschiebung des Vortrags. Und in der Diskussion im Senat („die Universität muß in politischen Fragen eine Insel der Ruhe bleiben“) umriß AStA-Politreferent Rohde vor kopfschüttelnden Professoren nun unverblümt, was die Studentenvertreter im Sinn hatten: „Wenn sich die Professoren in hatten: Weise mit dem Bundespräsidenten solidarisieren, indem sie ihm die Ehrensenatur verleihen, einem Mann, Ehren-Rolle im Dritten Reich keinesfalls geklärt ist und der nicht gerade als Vertreter deutschen Geistes angesehen werden kann, muß der Studentenschaft, die kritisch denkt, die Möglichkeit gegeben werden, sich mit Frau Professor Faßbinder zu solidarisieren, die immer für den Frieden gekämpft hat, die wirklich integer ist.“ Der Senat entschied: „Zu eigenen Stellungnahmen in politischen Fragen sind die Organe der Studentenschaft nur im Rahmen des studentischen Interesses befugt.“