Wären die Sporthallen groß genug: der Handball „à septe“ würde dem Eishockey als attraktivster Sportart in Bälde Konkurrenz machen. Die Dortmunder Westfalenhalle drohte bei diesem Europapokal-Endspiel VfL Gummersbach gegen Dukla Prag, mit mehr als 12 000 Interessenten bis unters Dach gefüllt, aus ihren Nähten zu platzen. Die „Musikalität“ dieser Riesenkapelle schlug selbst den routinierten Tschechen aufs Gemüt – ganz wie ihr Trainer Bedrich König es befürchtete. Den ersten Schock bekam Meister Dukla schon, noch ehe Schwedens einarmiger Referee Hans Carlsson das „Spiel des Jahres“ angepfiffen hatte.

Die Parole war klar für den zweimaligen Cupgewinner: Dieser draufgängerische Neuling mußte gleich zu Beginn ordentlich geduckt werden, bevor er gefährlich werden konnte. „Befehl ausgeführt!“ hieß es schon nach fünf Minuten bei Duklas 2:0 – wie sich’s für die Handball-Soldaten der CSSR gehört. Die Masse Mensch auf den Rängen trompetete und rasselte, buhte und pfiff so lange, bis aus dem 1:3-Rückstand ein 4:3 für Gummersbach geworden war. Minuten danach, beim 6:4, drohte der Bestuhlung die bekannte Zerstörung am Boden. Dukla verhütete das mit einer 7:6-Pausenführung. Es war freilich nur ein Aufschub, wie sich zeigen sollte. Denn die blauweißen Buben aus dem Oberbergischen hatten in der ersten halben Stunde die Verwundbarkeit ihres Partners erkannt. Sie entsannen sich des sensationellen Halbzeit-12:2 des Vorjahrssiegers DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) Leipzig gegen diese „Weltmeister“ – auf, auf, ihr Männer: auch Dukla ist zu packen!

Die Nerven wurden von Minute zu Minute mehr strapaziert. 7:7, 7:8 – und dann, als Carlsson plötzlich „skandinavisch“ reagierte, mit vier Siebenmetern binnen 300 Sekunden 9:10. Eine Viertelstunde vor Schluß blies Deutschlands Meister zum Generalangriff. Ritt eine Attacke nach der anderen gegen das von Jiri Vicha bravourös verteidigte Prager Tor. Schoß aus allen Rohren und aus allen Lagen (wobei ein raffiniert-glücklicher Aufsetzer aus unmöglichem Winkel die Kanonade erfolgreich eröffnete). War 14:11 und zwei Minuten später 15:12 auf und davon – uneinholbar auch für so erfahrene, in jeder Hinsicht clevere, sogar auf faule Tricks geeichte Männer aus der Goldenen Stadt. Als Jochen Feldhoff, Deutschlands wagemutigster Kreisläufer, und der bis dahin vielfach glücklose Klaus Alberts das 17:13 dem großen Favoriten ins Stammbuch schrieben, ging der Rest im brausenden Jubel unter: die feierliche Siegerehrung, Paul Lückes Silberlorbeer-„Offerte“ – die Fans nahmen endgültig Besitz vom Schauplatz des dramatischen Geschehens und ihre Helden, auf die Schultern. Hansi Schmidt und Bernd Podak überragten das tosende Meer der Begeisterung als moderne Wellenreiter.

Der VfL Gummersbach hatte den Handballhimmel gestürmt. Die unbekümmerte Art dieser Jungen, eine großartige Erfolgserie auch noch mit dem Endsieg zu krönen – sie ließ das Publikum zum Zeugen einer Wachablösung werden, wie sie wirklich nur die kühnsten Optimisten für möglich gehalten haben mochten. Am meisten frappierte die stetige Leistungssteigerung im Rahmen des Wettbewerbs – mit drei besonderen Höhepunkten, die die Mannschaft mit der Zeit in den Kreis der ernsthaften Pokalanwärter einrücken ließ. Gegen Schwedens Meister Göta Hälsingborg sagte die 39:15(!)-Revanche für die 19:20-Niederlage zum Auftakt genügend aus über den Ballhunger der ehrgeizigen Gummersbacher Spieler, die ja schließlich mit Hansi Schmidt den Bundesliga-Rekordschützen als anspornendes Beispiel in ihren Reihen haben. Schwerer wogen – vom Maßstab des gegnerischen Könnens her – die Siege über Medvescak Zagreb in Köln (19:10) und beim Sowjetunion-Meister. Trud in Moskau. (17 : 15), für den der 11:15 Rückstand aus dem Hinspiel ein untragbarer Ballast geblieben war. Insbesondere der Erfolg in der UdSSR-Hauptstadt gewann – wie fünfeinhalb Wochen zuvor die durchaus normale 9:13-Niederlage in Belgrad – deshalb an Wert, weil Gummersbach seine „Auslandsdeutschen“ Schmidt und Kosmehl aus Gründen der persönlichen Sicherheit hatte zu Hause lassen müssen. Die kämpferische Einsatzfreude der anderen zuzüglich der großartigen Leistung des als „Nothelfer“ eingesprungenen Altinternationalen Rolf Jäger überbrückten dieses Handikap hervorragend.

„Unsere Kampfmoral war die stärkste Waffe“, bekannten die Aktiven des VfL, als die letzte Schlacht geschlagen war. Und dabei bekam der Torwart einen besonderen Dankesblick: „Bernd Podaks Glanzparaden, die ihn sogar noch über Vicha stellten, entnervten Duklas Scharfschützen, so daß sie schließlich resignierten.“ Es war der letzte Schock, der den zum Schluß auch konditionell in Schwierigkeiten geratenden Tschechen versetzt wurde: Sie verkrampften, weil dieser Tausendsassa Podak in echter Berliner Keßheit auch die schwersten Schüsse entschärfte, als empfinde er ein solches Bombardement lediglich als kindliches Ballgetändel.

Übrigens durfte – mit Recht – dieser Europapokalgewinn der Gummersbacher als Trostpflaster für das enttäuschende deutsche Abschneiden bei der Weltmeisterschaft in Schweden gelten, wo der sechste Platz dem Handballniveau der Bundesrepublik ganz gewiß nicht gerecht geworden war. Heute ist man versucht, den damaligen Ausspruch eines Spielers des Cupsiegers nicht mehr nur für „Angabe“ zu halten, sondern ihn als Ausdruck eines sehr gesunden, weil absolut fundierten Selbstvertrauens zu werten: „Wir hätten, als geschlossene Vereinsmannschaft, sicherlich besser abgeschnitten...!“

Hans-Herbert Schoedel