Von Joachim Schwelien

Washington, im Mai

„There is a better way than that of LBJ“ – es gibt einen besseren Weg als den Lyndon Johnsons, schmettert der republikanische Präsidentschafts-Aspirant für 1968, Gouverneur George Romney, den in Washington versammelten Partei-Damen wieder und wieder ins Ohr. Der Beifall braust, die Zuhörerinnen meinen, schon die Wahlparole des kommenden Jahres zu hören. Wahrscheinlich zu Recht, denn Romney hat alles attackiert, was der jetzige Bewohner des Weißen Hauses zu verantworten hat. Den Feldzug gegen die Armut nennt er eine „Fassade“, die Sozial- und Wirtschaftspolitik der demokratischen Administration brandmarkt er als anmaßende Einmischung der Bundesregierung in die Kompetenzen der Gemeinden und der Bundesstaaten, und an der Politik in Vietnam vermißte er den Erfolg, sogar die Erfolgsaussicht. Dabei hat George Romney erst vor wenigen Wochen in einer Grundsatzerklärung zu Vietnam, auf die er seine Anhänger lange warten ließ, wohlweißlich keine Alternativen aufgezeigt und im großen und ganzen nichts anderes gesagt als Lyndon Johnson auch.

Es war die erklärte Absicht der republikanischen Kongreß- und Parteiführung, den Vietnam-Konflikt aus der parteipolitischen Kontroverse herauszuhalten. Inzwischen ist auch im Lager der Opposition der Meinungsgegensatz offen ausgebrochen. Der Krieg in Vietnam erweist sich als Zeitzünder für die amerikanische Innenpolitik, also genau das, was Johnson vermeiden möchte.

Wird der Krieg zum außenpolitischen Hauptthema der Wahlschlacht, muß sich der Widerstandswille Hanois festigen. Denn thematisch kann es nur eine Auseinandersetzung darum werden, ob ein demokratischer Präsident (Woodrow Wilson im Ersten, Franklin Roosevelt im Zweiten Weltkrieg, Harry Truman im griechischen Bürgerkrieg und im Koreakrieg, John F. Kennedy und Lyndon Johnson im vietnamesischen Krieg) stets ein „Kriegspräsident“ und ein republikanischer Präsident – Dwight Eisenhower im Koreakrieg – stets ein „Friedenspräsident“ sein muß.

Einer der Senioren unter den republikanischen Senatoren, der hochangesehene George Aiken aus Vermont, hat schon unverblümt erklärt, Ho Tschi Minh werde niemals mit der jetzigen US-Regierung verhandeln, denn ihr Appell, die Infiltration in den Süden einzustellen, komme dem Verlangen nach einer bedingungslosen Kapitulation Nordvietnams gleich. Das Fazit Aikens lautet, die Amerikaner müßten einen republikanischen Präsidenten wählen, wenn sie den Frieden in Vietnam erreichen wollten.

Aiken und einigen wenigen anderen republikanischen „Tauben“ steht freilich die Phalanx jener Republikaner gegenüber, die wie Richard Nixon oder der Senats-Fraktionsvorsitzende Everett Dirksen einen noch härteren Krieg führen wollen. Sie möchten Nordvietnam mit der Bombardierung oder Verminung von Haiphong und anderen Eskalationen ein so gehöriges „punishment“ verabfolgen, daß Ho schließlich zu Kreuze kriecht. Die Strategie dieser republikanischen Führer ist darauf angelegt, Johnson im Sinne der vorherrschenden Volksmeinung zu zwingen, den Krieg mit militärischen Mitteln schnell zu beenden, und den Erfolg dann auf das republikanische Konto zu buchen – wenn er eintritt. Der Texanner paßt sich diesem Konzept halben Herzens an; darum die Angriffe auf nordvietnamesische Flugplätze (die McNamara für relativ wirkungslos hält) und die Bombardierung von Industriezielen in und um Hanoi und Haiphong.