Sonntag, 30. April, 22.20 Uhr, 1. Programm: Um uns die Fremde

So leicht also kann man sich’s machen, angesichts eines gewaltigen Themas. So oberflächlich darf man sein, wenn es gilt, die Austreibung mißliebiger Wissenschaftler durch die Nationalsozialisten zu dokumentieren. Ein paar Statistiken, ein Spiel mit Prozenten und Zahlen, ein geifernder Goebbels (Dem deutschen Geist die Gasse frei), eine Folge von Doppelporträts, bei, sprangen die Köpfe da munter aus ihren Kreisen, wurden größer und größer und starrten den Zuschauer an, dazu die unvermeidlichen Zwei-Minuten-Inquisitionen, Bilder aus London, aus New York und Ankara, die zum Teil mit dem Text auch nicht das Geringste zu tun haben wollten (was sollte die lange Sequenz eines Wach-Zeremoniells am Mausoleum Atatürks?), harmlose Photos, die in einem Film über „Die Türkei – gestern und heute“ vielleicht hätten brauchbar sein können.

Und nun stelle man sich vor, die Kamera hätte den Passionsweg eines einzigen Mannes, des Sozialisten Müller, des Chirurgen Cohn, begleitet, die Leidensstraße eines Gelehrten, der, als er gehen mußte, noch nicht zu den Großen gehörte. Da hätte man Hinterhausstiegen gesehen, Volksküchen und Asyle, die dumpfen Gesichter von Nachhilfeschülern, Fremdenpolizisten ohne Erbarmen, die Schürze des Tellerwäschers und später dann ein bescheidenes College, schlecht eher als recht, Absteigequartiere des Geistes im Mittelwesten der Vereinigten Staaten, neogotische Schuppen für die undergraduates aus Michigan, nach dem Kriege, nein, zurück will ich nicht, ein langsamer Aufstieg, bessere Colleges, größere Autos, aber immer noch das Berliner oder Duisburger Englisch, kein Taxifahrer versteht mich, auf dem Nachttisch das Bild der Boys in Uniform, kurzer Haarschnitt, Millionengesichter, und dann der Haß auf die Deutschen, das Nichtvergessenkönnen, und daneben die Vaterlandsliebe und das niemals endende Heimweh: „Ich komme nicht darüber hinweg, dieLeute sind so fröhlich hier, you ought to be happy, aber ich wär’ jetzt gern am Donaukanal und tat raunzen.“

Ein einziger Cohn oder Müller hätte hundertmal mehr zum Thema Vertriebene Wissenschaftler beigetragen als dieses Fernseh-Dilettantenteam, das Blitz-Interviews mit ein wenig Folklore durchsetzte und so von Herzen ahnungslos war. Wieviel hätte sich dabei allein im Fall der Türkei zeigen lassen, wenn man einmal der Frage nachgegangen wäre, wie es um jenen Emigranten bestellt gewesen sein mag, der Anno 1945 in Istanbul einen Fachkollegen traf, der sich gleichfalls als „Emigrant“ deklarierte – freilich aus anderen Gründen. Und dann, auch dies will nicht vergessen sein, die Uneinigkeit, der heimliche Kampf rivalisierender Gruppen, der Streit vor den Augen der Henker, dann das Problem der Kongresse, am Rednerpult die Entsandten des Führers und im Schatten hinten die Vertriebenen, die oft genug ihren Verfolgern an nationaler Emphase nicht nachstehen wollten...

Das Problem hat viele Aspekte, man kann es auf mancherlei Weise behandeln, an Material mangelt es nicht. Für Dilettanten freilich ist das Thema zu schwer. Momos