Von Peter Hemmerich

Die Symptome sind unübersehbar vielfältig, die Diagnosen halbherzig und eine Therapie kaum absehbar. Eines ist jedoch gewiß: Es ist eine spezifisch deutsche Krankheit. Man weiß nicht recht, ist es eine Krankheit der Sprache oder der Denkart oder beider. Es ist schwer, einen Namen dafür zu finden oder einen Ursprung nachzuweisen. Das seit Jahrzehnten endemische Übel beginnt erst in jüngster Zeit zu wuchern. Als Problem öffentlicher Hygiene sollte man es erkennen, bevor, wie schon einmal, nationale Entartungserscheinungen politischer Natur dadurch gefördert werden.

Dieses sind einige Symptome aus der krausen Vielfalt:

  • Meine erste akademische Vorlesung anno 1950 war ein Schock, der mich fast in meiner Berufswahl irregemacht hätte. Ihr Titel war anorganische Experimentalchemie, tatsächlich jedoch hätte er lauten müssen: Erörterungen über die ökonomische Bedeutung und die historische Altehrwürdigkeit meines Faches. Der Vorlesende war ein Nobelpreisträger und großer alter Mann der deutschen Chemie. Seine Rede war trefflich und dennoch unnütz: Der Anfänger mochte die ökonomische Bedeutung weit eher dem Börsenzettel entnehmen, und die Historie konnte ihn nicht fesseln, solange er von der Sache selbst nichts verstand.
  • Die Deutsche Studentenzeitung veröffentlicht anno 1967 eine „Vorlesungsrezension“. Der „betroffene“ Professor – ein Politologe von Rang – versucht, diese Kritik durch die Universitätsbehörden verbieten zu lassen mit der Maßgabe, es handele sich bei seiner Lehrveranstaltung um ein „Forschungsseminar vertraulichen Charakters“, und das ausgerechnet beim Lehrgegenstand „Theorie und Demokratie“. Der Vorwurf des Rezensenten geht zu Recht oder zu Unrecht dahin, daß in diesem Seminar der Begriff Demokratie nur historisch und weltanschaulich entwickelt wurde, nicht aber wissenschaftlich objektiviert, experimentell erfassend gestaltet. Und dieser Tadel genügt dem akademischen Lehrer im Fach Demokratie, um autoritärere Maßnahmen zur Geheimhaltung seiner Lehre anzustreben. Mit anderen Worten: Es entspricht mitunter nicht der Weltanschauung des deutschen Professors, sich den Gesetzen seiner Wissenschaft zu unterwerfen, und die Weltanschauung ist allemal stärker.
  • Mein Sohn, Jahrgang 1958, kommt anno 1967 aus der Schule heim mit der Frage: „Papi, wieso verfault das Wasser, wenn es stillsteht?“ „Wie kommst du denn auf einen solchen Unsinn?“ – „Das steht in einem Buch, welches wir in der Religionsstunde lesen.“ Dort stehen tatsächlich die Sätze: „Wasser muß immer fließen, wenn es stillsteht, dann verfault es. Das Wasser im Meer darf nicht faulen, dafür hat ihm der Schöpfer etwas Salz beigegeben.“ Es ist sofort klar, was hier gemeint wird: Sich regen, bringt Segen, und wer rastet, rostet, wie beim Menschen, so beim Wasser.

Und da habe ich mich wirklich fragen müssen, was schädlicher für die Jugend von heute ist: Illustrierte oder katholische Jugendbücher? Denn es kommt ja nur selten vor, daß Illustrierte den Namen Gottes unnütz im Munde führen – dann schon besser gar nicht. Wie sieht das Weltbild von Kindern aus, denen man in der Schule erzählt, daß Gott Salz ins Meer streut, damit das Wasser nicht verfault? Es liegt natürlich alles daran, daß der Erwachsene und gerade der spezifisch deutsche, das heißt autoritätsbewußte Erwachsene, hier an Fragen von Achtjährigen gerät, die klar beantwortbar sind, die er jedoch aus Mangel an Bildung nicht zu beantworten weiß. Dafür muß dann der liebe Gott büßen. Wissenschaft wird ersetzt durch Ideologie, nicht etwa durch Religion.

  • „Papi, wieso fließt der Strom in der Leitung? Der Draht ist doch gar nicht hohl.“ Authentische, völlig unprovozierte Frage meines Zweitältesten, Jahrgang 59, kein Wunderkind. Was nun? Das verstehst du nicht? Der liebe Gott ...? Warte, bis du groß bist...? Auf eine Schule verweisen, wo gelehrt wird, wie der Vater pflügt und die Mutter flickt, und wo selbst der Traktor und die Nähmaschine unterschlagen werden, weil der Lehrer sich damit nicht auskennt. Die Alternative, dem Kinde erklären, was ein Elektron ist, ein Metallgitter, ein Fermi-Leitband, ein Wechselstrom-Impuls? Lächerlich und gefährlich? In Amerika und Schweden wird es versucht mit überraschendem Erfolg. Es wird dort versucht in Schulen – Volksschulen –, von denen deutscher Bildungsdünkel sich nichts träumen läßt. Freilich gibt es neben diesen Experimentierschulen auch andere, dürftige, auf die man sich hierzulande gern beruft.
  • „New Math – neue Mathematik“: Der amerikanische Versuch, sich darauf einzurichten, daß der Durchschnittsschüler morgen nicht mehr mit einer Registrierkasse, sondern mit einem Computer fertigwerden muß. Müssen Kinder unbedingt mit dekadischen Zahlen rechnen, oder nicht vielleicht gleich mit Zahlensystemen, Operatoren, Dimensionen, Symmetrien? Wer informiert uns auch nur über dergleichen? Wo ist die vielberufene wissenschaftsbewußte Öffentlichkeit?
  • Wo ist sie in den USA? Sie ist dort prototypisch vertreten in einem Journal und seiner Leserschaft, welche in die Millionen geht: der „Scientific American“. Es gibt auch bei uns Versuche, ein dem „Scientific American“ nachempfundenes Organ in Deutschland zu schaffen: Was ist die Bilanz dieser Versuche? Eines läßt sich gewiß sagen: kein „Scientific German“. Aber woran liegt das?

Es kann kein Zweifel bestehen, daß die englische Sprache sich leichter zur Fixierung wissenschaftlichen Sachverhalte hergibt als unsere: Englisch ist flexibler, es verdaut Fremdworte und Fachworte besser als das Deutsche. Neue Begriffe lassen sich leichter einprägsam kreieren im Englischen, und es ist kürzer, bündiger. Das alles will mir nicht wesentlich scheinen. Wesentlich scheint vielmehr: Das Englische gibt sich offenbar weniger leicht zur Vermengung der Kategorien Wissenschaft und Weltanschauung, angewandte Wissenschaft und angewandte Weltanschauung her. Liegt dies nun an der Sprache oder ihren Sprechern?