Irving Kristol, Mitherausgeber des „Public Interest“:

Mein stärkster Eindruck vom heutigen Deutschland ist der, daß es kaum irgend jemandem – Amerikaner oder Deutschen – möglich sein kann, sich eine richtige Vorstellung davon zu machen, wie dieses Land wirklich ist und wohin es treibt. Nicht etwa, weil alles vorwärts drängt; im Gegenteil, es bewegt sich fast nichts. Die Schwierigkeit liegt in der hartnäckigen Tendenz, alles und jedes als „das deutsche Problem“ zu betrachten. Und schon das allein bedeutet, daß man nicht mit einer Frage an die Sache herangeht, sondern mit einer Antwort oder mit mehreren. Daß sich die Antworten nicht decken, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, daß sie alle von der gleichen Voraussetzung ausgehen.

Die Voraussetzung ist auch ganz einleuchtend. Sie besagt, daß man über die Zukunft Deutschlands nur etwas sagen kann, wenn man die Vergangenheit einbezieht. Das ist eine ganz selbstverständliche Feststellung, sie gehört zu den universellen Wahrheiten, ohne die man nicht arbeiten kann: das Geschick eines Volkes wie das eines Einzelwesens wurzelt fest in der Vergangenheit. Ich hatte einmal den Ehrgeiz, Historiker zu werden und kann daher an diesem Satz nicht zweifeln. Und doch: Wenn ich Deutschland heute ansehe, so kann ich ihn auch nicht vorbehaltlos bejahen.

Denn wenn man je von einer Nation behaupten konnte, sie sei entwurzelt, abgeschnitten von traditionellen Bindungen und Fundamenten, so ist es das Nachkriegsdeutschland. Es macht den Eindruck, als schwimme und treibe es sanft hin und her auf dem Fluß der Zeit; Besucher kommen und gehen, genießen entspannt sehr gute Mahlzeiten, ausgezeichnete Weine und freundliche Gesellschaft – und sind plötzlich überrascht, wenn Seekrankheit sie überkommt. Als wir von München aus nach London kamen, waren wir ungeheuer erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Wohin treibt Deutschland? Der Herrgott mag es wissen. Die Deutschen wissen es sicher nicht, und ich auch nicht.

Ich war zum letztenmal vor sieben Jahren in Deutschland gewesen, eine Woche lang. Jetzt bei meiner Rückkehr fand ich es noch „amerikanischer“ als damals – schon damals war Deutschland bei weitem das amerikanischste Land Europas –, aber es war gleichzeitig irgendwie auch deutscher geworden. Ich will versuchen, das zu erklären.

Der deutsche Lebensstil ist in den letzten beiden Jahrzehnten phantastisch amerikanisiert worden. Die Menschen lesen amerikanische Bücher, sehen sich amerikanische Theaterstücke an, hören amerikanische Musik, ziehen sich amerikanisch an, essen amerikanische Lebensmittel, sprechen und verstehen amerikanisch, sind mit Amerikas Politik vertraut, reisen gern nach Amerika – alles in einem Ausmaß, das in Europa nicht seinesgleichen hat, auch nicht in England. Es ist, als nähmen die Deutschen wörtlich das Jahr 1945 als „das Jahr Null“ (wie es oft genannt wird) und fänden, es habe keinen Sinn mehr, Deutscher zu sein; sie wollten also hinfort etwas anderes sein, „Westler“ oder „Europäer“ oder einfach „modern“.