Von Tadeusz Nowakowski

Die polnischen Dichter stehen und fallen in Deutschland mit ihren Übersetzern. Man könnte sich sogar folgende Situation vorstellen: Ein deutscher Lyriker sucht sich auf dem Bahnhof einen freundlich lächelnden türkischen Gastarbeiter aus, laßt ihn auf dem Podium neben sich Platz nehmen, von Zeit zu Zeit mit dem Kopf nicken und liest seine eigenen Gedichte vor ... Einem solchen Autoren-Abend wäre der Erfolg sicher.

Die polnischen Lyriker Tadeusz Rózewicz (geboren 1921) und Zbigniew Herbert (geboren 1924), die kürzlich zusammen die Bundesrepublik bereisten, gehören zu den besten Vertretern der Nachkriegsgeneration in Polen. Die deutschen Übertragungen ihrer Texte liegen in gedruckter Form seit einiger Zeit vor –

Tadeusz Rózewicz: „Formen der Unruhe“, aus dem Polnischen von Karl Dedecius; Carl Hanser Verlag, München; 112 S., 12,80 DM

Zbigniew Herbert: „Gedichte“, aus dem Polnischen von Karl Dedecius; edition suhrkamp 88, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 113 S., 3,– DM

– und beweisen – ja, was beweisen sie eigentlich? Daß Papas Lyrik tot ist? Daß sie in Polen vielleicht noch mehr als anderswo tot ist? Seit Jahren gibt es in Warschau einen dichtenden Theoretiker und theoretisierenden Dichter, (jedes Land hat, seinen Höllerer), der Julian Przyboś heißt. Seine Verdienste um die Erneuerung der-, polnischen Lyrik sind groß („Genug des Schreiens vom Storchennest, genug der ‚poetischen‘ Larmoyanz!“). Sein erzieherischer Einfluß auf jüngere Dichter ist bedeutend. Dieser praeceptor Poloniae erteilte bereits vor vielen Jahren seinen jüngeren Freunden folgenden Rat: „Erzähle nicht, beschreibe nicht, besinge nicht, reflektiere nicht, räsonniere nicht; beichte nicht, mach nicht in Stimmung, schrei nicht, verkünde nicht, blase nicht ins rhetorische Horn; drücke aus – das heißt, bilde Sprache. Alles andere wird sich schon finden.“

Einer der begabtesten Schüler des Meisters, Tadeusz Rózewicz, geht einen Schritt weiter: „Für meine Dichtung ist der Haß gegen die Poesie Anlaß und Antrieb.“ Er rebelliert dagegen, „daß sie das Ende der Welt überlebt hat“, als wäre nichts geschehen, unerschüttert in ihren Gesetzen, Gebrauchsanweisungen, Praktiken. In der Tat: Die interessantesten Texte der Nachkriegsgeneration in Polen sind weit von jeder „Metaphoritis“ und „Rhetoritis“ entfernt. Sie verdanken ihre Kraft und Form nicht nur manchem recht außerliterarischen Ereignis und Erlebnis (es gab in Polen viele davon), sondern auch jener gut vierzig Jahre alten Tradition des avantgardistischen Antitraditionalismus, dessen ars poetica die Abneigung gegen die Poeterei beinahe zu einem ästhetischen Maßstab erhob. Die neue „Poetik der gewürgten Kehle“ konnte an die ästhetischen Erfahrungen der polnischen Vorkriegsavantgarde anknüpfen.