Kaum war der Brief aus Ostberlin, vier Seiten Maschinenschrift auf Büttenpapier, in die Hände des Bundeskanzlers gelangt, da meldeten sie sich wieder, die politischen Veteranen aus den Zeiten des Kalten Grabenkrieges: Ein solches Schriftstück voller aggressiver Formulierungen und unverschämter Forderungen biete keinerlei Ausgangspunkte zu einem auch nur zentimeterweisen Fortschritt in der deutschen Frage. Schlimm genug schon, dieser Vorwurf war deutlich genug herauszuhören, daß der Kanzler das Schandschreiben nicht ungeöffnet zurückgeschickt habe, kurierwendend sozusagen.

Bundeskanzler Kiesinger indes will dem Ministerpräsidenten Stoph antworten, nüchtern und korrekt. Und damit sollten wir uns etwas vergeben? Im Gegenteil nimmt sich die gelassene und ruhige Art, in der die Bonner Regierung diesmal reagiert hat, sehr viel selbstbewußter aus als das reichlich kindische Spiel nach der postalischen Devise „Annahme verweigert“.

Die Kritiker dieser neuen elastischeren Politik begründen ihren Unwillen damit, daß in dem Stoph-Brief nichts anderes als die alte schroffe Anerkennungsforderung enthalten sei. Es stimmt, der Absender in Ostberlin hat sich jener politischen Denkvorlage bedient, die nur die Kategorie „schwarz“ und „weiß“, „alles“ oder „nichts“ kennt. Und freundlich ist der Brief auch nicht gerade gehalten; aber es hat ja wohl auch niemand im Ernst Liebesgrüße aus Pankow erwartet.

Wichtig allein ist die Frage: Weshalb hat Stoph überhaupt geschrieben? Hoffen er und seine Funktionärskollegen – die doch wissen müssen, daß die Anerkennung von Bonn nicht zu haben ist –, uns auf dem Wege des Kontaktes mählich aufzuweichen? Nun, es hat ein jeder das Recht auf seine eigenen Illusionen, und mit den Illusionen des anderen läßt sich zuweilen vortrefflich Politik machen. Oder sind die Regierenden in Ostberlin im neuen Entspannungsklima auf peinigende Weise wetterfühlig geworden und wollen mit Alibibekundungen die komplette Selbstisolierung vermeiden? Das ließe sich, nimmt man sie hart beim Wort, bald herausfinden – und gleichfalls politisch nützen.

Zweifellos wäre es töricht gewesen, den Maximalforderungen von drüben mit einer Maximalabsage von hüben zu begegnen. Der Weg, den Kiesinger und Wehner eingeschlagen haben, ist der richtige: die andere Seite mit präzisen und eng umrissenen Verhandlungsvorschlägen zu konfrontieren. Mit einem Treffen zwischen Kiesinger und Stoph wird es noch gute Weile haben, vielleicht kommt es auch nie dazu – aber ausgeschlossen erscheint es nicht mehr. Bonn ist offenbar bereit zur Eskalation der Kontakte, immer vorausgesetzt, daß die Ergebnisse auf jeder Stufe den Menschen in der DDR zugute kommen. Und da hat Ostberlin immerhin einiges zu bieten. Hans Gresmann