Von Marianne Eichholz

Wo immer der Geteiltstädter sich befindet, der Fernsehturm am Alex reckt seinen Zementkopf über die Skyline – hüben Funkturm, drüben Fernsehturm, das technische West-Ost-Wettrennen ist in vollem Gang. Wenn das östliche Bauwerk fertig ist, wird es mit 360 Metern Höhe garantiert das höchste Berlins sein. New Look der Mauer: Die Ausweise am Bahnhof Friedrichstraße werden auf einem Transportband weitergetragen, man blickt auch nicht mehr in die Augen seines Grenzschützers, sondern in eine grüne Brille. Die Mauer wird vornehmer.

In gestreiften Kitteln treten die Hauptpersonen in der KZ-Oper „Esther“ auf, die seit einem Vierteljahr in der Lindenoper auf dem Spielplan steht. Die Fabel spielt in einem Konzentrationslager der Hitlerzeit, das Libretto schrieb Günter Deicke nach einer Novelle von Bruno Apitz, die Musik ist von Robert Hanell, Kapellmeister Unter den Linden und in der Behrenstraße. Esther, eine jüdische Geigerin, weigert sich, mit ihrem Geliebten, den sie im Lager kennenlernte, Selbstmord zu begehen. Denn „er soll leben für eine bessere Welt“. Sie zieht den Gruppentod durch die SS vor – eine Entscheidung, die erstaunliche Freiheit in einem Konzentrationslager voraussetzt. Der Gewalt und dem Bösen entrückte Momente gibt es: Während die Schaffung von Helden und Märtyrern aus dem Geist der Musik vor sich geht, sprechen die SS-Leute in einem kühlglatten, geschäftsmäßigen Operettenton („Kapo, lassen Sie die Frauen ausziehen“). Noch immer ist das Theater den Beweis schuldig dafür, daß man Vorgänge aus den Konzentrationslagern in Bühnengeschehen umsetzen kann.

Zu wenige Gaststätten mit Atmosphäre, zuwenig ungeniertes Leben, Großzügigkeit ohne den Humus der Alltäglichkeit – es bleibt in der östlichen Hälfte Berlins immer wieder verwunderlich, daß es allabendlich zwischen 19 und 23 Uhr den Bühnen gelingt, Leben zu produzieren.

In neun Wort- und Musiktheatern wird teilweise Weltniveau erspielt. In der Komischen Oper drängen sich eingefleischte Opernfeinde zu Felsensteins „Don Giovanni“, zu Götz Friedrichs „Troubadour“.

Am Bertolt-Brecht-Platz hat ein Theater im Bereich der sozialistischen Gesellschaftsordnung, das immerhin kurz nach dem 13. August 1961 seinen Besuchern ungeniert das Freiheits-Stück „Die Tage der Commune“ anbot, kürzlich den Versuch gemacht, den Begriff Kollektiv zu differenzieren. Denn als Denunziation dieses Begriffes könnte nach kommunistischer Auslegung sehr wohl Brechts Person-Demontage „Mann ist Mann“ ausgelegt werden. Das Programmheft versucht zwar halbherzig, das „negative“ Kollektiv, die (britische) Armee, einen Haufen berufsmäßiger Zerstörer, in Vietnam zu lokalisieren, aber die Klarheit der Brechtschen These verdunkelt die Inszenierung nicht.

In dem verwinkelten Backsteinbau des neueröffneten märkischen Museums hat sich seit Wiederaufbau und Wiedereröffnung wenig geändert. In der dämmrigen Schatzhöhle sind Zeugnisse europäischer Geschichte und Kultur, soweit sie von Preußen aus Anstoß bekamen, versammelt. In drei winzigen Zimmerchen ist eine „Gerhart-Hauptmann-Gedächtnis- und Forschungsstätte“ untergebracht; wer weiß heute noch, daß „Rose Bernd“ und die „Ratten“ schon 1919 und 1921 verfilmt wurden, wie man der Zeittafel entnimmt. Ein echtes Jugendstilzimmer ist auf einem Podest aufgebaut, in der Theaterabteilung steht Brechts schöne Büste, die Grzimek modellierte, geistige Schärfe und Schmiegsamkeit in Metall.