Von Giselher Schmidt

Arthur Rosenberg: Geschichte des Bolschewismus. Mit einer Einleitung von Ossip K. Flechtheim. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; Leinen 24,– DM, kartoniert 16,80 DM

In diesem Jahr, da sich die russische Februar- und die Oktoberrevolution zum fünfzigsten Male jähren, sollte der historisch und politisch interessierte Leser neben den bisherigen Standard-Werken, wie etwa Georg von Rauchs „Geschichte des bolschewistischen Rußland“ und Leonard Schapiros „Die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“, auch Arthur Rosenbergs „Geschichte des Bolschewismus“ als eine bedeutsame Komplettierung der Literatur über Sowjetunion und Kommunismus zur Hand nehmen. Dieses Werk erschien zwar bereits Ende 1932, wurde jedoch bald verboten und blieb in Deutschland nahezu unbekannt und wirkungslos. Ende des Vorjahres brachte es die „Europäische Verlagsanstalt“ neu heraus. Arthur Rosenberg (1889–1943) gehörte zu den bemerkenswertesten Außenseitern von Wissenschaft und Politik in der Weimarer Republik. An der Universität Berlin lehrte er bis 1933, zuletzt als außerordentlicher Professor für alte Geschichte. Von 1920 bis 1927 war er führendes Mitglied der Kommunistischen Partei, aus der er jedoch als „Rechtsabweichler“ im April 1927, unter Beibehaltung seines Reichstagsmandates bis 1928, austrat.

Rosenberg ließ es sich in dem vorliegenden Werk angelegen sein, bei der Betrachtung des Phänomens Bolschewismus Ideen- und Tatengeschichten wie in einer polyphonen Komposition miteinander zu verschränken. „Für Rosenberg schweben Ideologien nicht im luftleeren Raum, für ihn sind sie Produkt der realen Verhältnisse“, heißt es im Umschlagtext. Aber dennoch vermag Rosenberg – möglicherweise unfreiwillig – zu zeigen, daß auch Ideen manchmal die Basis und die „realen Verhältnisse“ den Überbau bilden können. Wohl kann man einwenden, daß die Gemeinsamkeit zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin andererseits überakzentuiert worden ist („Lenin war und blieb der Mann der Waffe und der Gewalt, genauso wie Marx und Engels es gewesen sind“) und daß das spezifisch russische Erbgut des Bolschewismus stärker zu berücksichtigen sei.

Einerseits versucht Rosenberg eine gewisse historische Rechtfertigung der russischen Oktoberrevolution: „Denn wenn im Herbst 1917 auch Lenin gescheitert wäre, dann wäre in Rußland nicht eine ruhige demokratische Entwicklung, sondern ein grauenhaftes anarchisches Chaos gekommen ... Das wilde Chaos hätte nach einiger Zeit in der Auflösung Rußlands, in Pogromen und in weißem Terror geendet. Davor haben die Bolschewiki das russische Volk bewahrt und so trotz aller ihrer Experimente und Fehler die russische Revolution gerettet“ (Seite 136).

Vielleicht wird auch der eine oder andere von Rosenbergs Stellungnahme zum bolschewistischen Terror irritiert sein: „Man kann über die einzelnen gewaltsamen Handlungen der Sowjetregierung in den Jahren des Bürgerkrieges, über die Massenerschießungen und so weiter sehr verschiedener Meinung sein, aber historisch, im großen gesehen, befand sich damals das russische Volk in der Notwehr gegen eine grausame Gegenrevolution“ (Seite 151). Ähnliche Bemerkungen macht Rosenberg zum gewaltsamen Vorgehen der Bolschewiki gegenüber den Kulaken.

Anderseits weist Rosenberg auch mit treffenden Worten auf die Perversion der kommunistischen Idee nach der Oktoberrevolution hin: auf die Denaturierung der Sowjets von dem ursprünglichen Ausdruck radikalster Demokratie zu einem rein dekorativen Symbol der Herrschaft; auf die Fiktion der Selbstregierung bei den Nationalitäten; auf die wachsende Kluft zwischen Staatskapitalismus und proletarischer Mythologie (wie sie schon in Lenins Rußland von 1921 bestanden habe); auf die „offizielle Verfemung“ jedes selbständigen kritischen Denkens in Sowjetrußland und in der Kommunistischen Internationale seit 1921 und auf den hoffnungslosen Abstieg der III. Internationale. Rosenberg fordert folgende Voraussetzungen für ein „wirklich sozialistisches Land“: die Organisation der Industrie in Großbetrieben, die der freien Selbstverwaltung der Produzenten unterstehen müßten, und die gleiche Organisation für die Landwirtschaft, deren Produktion sich nur nach dem Bedarf und nicht nach Markt- und Wareninteressen richten dürfe. Keine dieser Voraussetzungen vermochte er in der Sowjetunion des Jahres 1932 zu entdecken.

Arthur Rosenberg war nicht nur ein ausgezeichneter Wissenschaftler, sondern auch ein Stilist von hohen Graden, der neben der Geometrie der Fakten auch die Klaviatur der Analogien und Allegorien verschwenderisch zu gebrauchen wußte. Wie treffend ist seine Charakteristik: „Das Reich der Bolschewiki gleicht dem Lande des Kaisers in dem unsterblichen Märchen von Andersen. Der Kaiser kann nackt spazieren gehen, weil jeder moralisch verfemt ist, der die angeblichen Kleider des Kaisers nicht sieht. So schreitet der Kaiser durch das bolschewistische Reich, und rechts und links von ihm gehen die Parteibeamten und schließen jeden aus, der den Ruf wagt: ‚Der Kaiser ist ja nackt!‘“ (Seite 214). Im ganzen gesehen stellt Rosenbergs „Geschichte des Bolschewismus“ das bemerkenswerte Zeugnis eines ebenso innerlich beteiligten wie wissenschaftlich diszplinierten Beobachters dar.